Der Normalo: Ein Exot der besonderen Art

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Der HSV hat Konjunktur. Das Interesse am Hamburger Traditionsklub sprengt alle Erwartungen. Als sei der Bundesliga-Dino in einen Jungbrunnen gefallen. Die spektakulären Transfers mit so namhaften Profis wie Nationalspieler Marcell Jansen, Mladen Petric oder den Brasilianer Thiago Teves und Alex Silva haben in der Bundesliga enormes Aufsehen erregt.  Da wollte auch das ZDF nicht zurück stehen und widmete dem Hamburger SV zuletzt in der Sportreportage ein Feature.

Die Botschaft: Die Raute liegt voll im Trend, der HSV ist en vogue. Seine glitzernden Fußball-Stars versprühen Begeisterung nicht nur in Hamburg, so die optische Botschaft der Auftaktmontage. Stimmungsvolle Bilder, flott auf Musik geschnitten, Gesichter kopfgroß, ein Trailer der gute Laune transportiert. Paolo Guerrero beim Jubeln, Atouba beim Tanzen, ein strahlender Olic umarmt den lachenden Demel und Jarolim drückt den Petric an seine Brust. Dazwischen aber eine optische Sequenz, die auffällt: Zwischen all den Bildern der Freude sieht man für ein paar Sekunden den Spieler Bastian Reinhardt, wie er an der Seitenlinie mit einem Pflaster über der Augenbraue verarztet wird.

Welch ungewollte dramaturgische Aussage: Die Künstler der Mannschaft tanzen auf Wolke sieben, während der Arbeiter im Team niederkniet und leidet. Vielleicht ist dies ein bisschen weit hergeholt, es beinhaltet aber eine gewisse Symbolik. Der einfache Fußball am Boden, die Showstars im Rampenlicht. Längst wird im Bundesliga-Fußball das Exotische als Normalität gesehen, während das eigentlich Normale für außergewöhnlich gehalten wird.

Beispiel Bastian Reinhardt. Der 32-jährige Abwehrspieler des HSV verkörpert alle Tugenden eines wertvollen Teamplayers. Er ist leistungsbereit, willenstark, zuverlässig und stellt sich immer wieder in den Dienst der Mannschaft. Spektakuläre Aktionen, ein auffallendes Erscheinungsbild, Statussymbole, all das ist nicht sein Ding. Bastian Reinhardt spielt einfach nur konstant gut Fußball, und das eben beruflich.

So etwas klingt solide, wirkt aber nicht gerade schillernd, womit wir bei der anderen Gattung Spieler sind. Die Rede ist von den spektakulären und teuren Transfers von Akteuren wie aktuell die bereits genannten Profis Neves, Silva, Jansen und Petric, die mit großem Tam-Tam präsentiert wurden. Ihnen gehört das Licht, die Show, die alltägliche Aufmerksamkeit. Die wochenlangen Verhandlungen, ihre Ablösesummen und vermeintlichen Vertragsinhalte werden diskutiert, weniger ihre Fähigkeiten als Fußballler. 

Ganz anders steht es um Spieler wie Bastian Reinhardt, die eher im Hintergrund agieren, zuverlässig ihren Job erledigen, sich solide und vorbildlich als Profi präsentieren, die einfach nur funktionieren. Wenn solche Typen aber internationale, und somit teuer eingekaufte Stars aus dem Team verdrängen, dann stehen auch sie plötzlich im Mittelpunkt der Medien und somit im öffentlichen Interesse. Eigentlich normal, dass einer sich wegen seiner Stärken in die Stammformation spielt, doch inzwischen gilt das schon als verwunderlich. So auch bei Bastian Reinhardt, der eigentlich nie für die erste Elf vorgesehen war, nun aber schon zum wiederholten Male prominente Mannschaftskameraden aus  der Stammformation verdrängt hat.

Zur Erinnerung:  Der HSV holte Reinhardt vor fünf Jahren sehr günstig von Arminia Bielefeld. Mehr oder weniger als Ersatzmann für die mit Tomas Ujfalusi und Nico-Jan Hoogma sehr prominent besetzte Innenverteidigung. Seine Zweikampf – und Kopfballstärke waren und sind Eigenschaften, die auch andere Bundesliga-Vereine wie Wolfsburg, Stuttgart, Leverkusen und Hannover damals auf ihn aufmerksam machten. Für Reinhardt waren dort Stammplätze reserviert, während er sich aber sich für den HSV entschied: „Auch wenn sie mir klar gesagt hatten, dass ich nur als Ersatz verpflichtet wurde, war ich mir sicher, doch zu meinen Einsätzen zu kommen“, blickt der 1,94 Meter große Abwehrspieler  voller Stolz zurück. „Es war ein Risiko, aber mein Selbstvertrauen war letztlich ausschlaggebend für diesen Schritt." Der gebürtige Mecklenburger hatte nicht zuviel versprochen.

 

 

Egal ob die Formation der Innenverteidigung in Hamburg mit Nico-Jan Hoogma und Tomas Ujfalusi geplant war, oder später Khalid Boulahrouz mit Daniel van Buyten, oder zuletzt Joris Mathijsen mit Vincent Kompany - es lief fast immer Bastian Reinhardt auf den Platz. Der potenzielle Reservist ließ sich von den internationalen Kollegen nicht beeindrucken, mutierte früh zum Stammspieler und gab sich auch  gelassen, als mit dem Brasilianischen Nationalspieler Alex Silva der nächste Konkurrent als Innenverteidiger verpflichtet wurde.

Dass er immer wieder aufgestellt wurde, obwohl so viel Prominenz für seine Position vorgesehen war, lässt ihn schmunzeln, mehr aber auch nicht. Von Genugtuung möchte Reinhardt gar nicht sprechen. Lieber von seiner soliden Ausbildung als Jugendlicher beim BSC Empor Grabow, wo sie schon als Neunjährige an fünf Tagen in der Woche jeweils zwei Stunden trainiert hatten. Auch die Sportförderung an der Kinder- und Jugendsportschule in Magdeburg hat ihn technisch und taktisch weiter gebracht. Für seinen Werdegang als Fußballer waren das wichtige Stationen, nur klingen diese nicht so sexy wie die Talentschmiede von Fluminense Rio de Janeiro oder die Fußballschule von Ajax Amsterdam, um nur einige zu nennen.

Die Frage ist nun, was man eigentlich will. Welche Werte zählen? Die eines ordentlich ausgebildeten Fußballspielers oder die Glitzerwelt der Stars, die heute hier und morgen dort spielen, aber überall schnell nach einem Torerfolg das Emblem auf ihren Trikots küssen? Bedenklich wird es, wenn man zweimal um die Welt fliegt, nur um einen zögernden Profi zu überreden, nach Hamburg zu kommen. Gleichzeitig aber einen verdienten Spieler wie Bastian Reinhardt so lange mit einer Vertragsverlängerung vertröstet, bis der sich unverrichteter Dinge in den Sommerurlaub verabschiedet, wo man ihm schließlich telefonisch mitteilt, dass man nun doch gedenkt, ihn weiter zu beschäftigen. So geschehen vor ein paar Jahren.

Dieses entwürdigende Procedere will sich Bastian Reinhardt, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, diesmal erspare. Er ist in der Form seines Lebens, würde gerne bleiben, identifiziert sich total mit seinem Verein und der Stadt Hamburg, doch ist er sich nicht sicher, ob solche Werte noch zählen.

Der Bundesliga-Fußball befindet sich am Scheideweg, das zeigt diese Personalie deutlich. Will man weiter dieses Geschäft künstlich überhitzen, oder kehrt man zurück zu den eigentlichen Werten, das ist die große Frage. Wegen einem Bastian Reinhardt kommt doch kein Zuschauer ins Stadion, könnten die Marketingstrategen des HSV argumentieren, denen Themen wie zusätzliche VIP-Logen oder gar eine Ausgliederung der Profiabteilung wichtiger erscheinen, als der Sport an sich. Wer aber den Fußball liebt, der sieht es kurz und knapp so: Ohne Typen wie Bastian Reinhardt funktioniert keine Mannschaft. Allein mit Künstlern und Söldnern gewinnt man keine Meisterschaft.

g-m-h


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