Die Wut über "Bonus"-Zahlungen an Manager wird immer größer

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AIGreed: Greed, zu Deutsch: Gier. Der ruinierte Versicherer AIG kann nur mit Staatshilfe weitermachen. Dennoch haben Manager Boni in Höhe von mehr als 200 Millionen Dollar erhalten



 

Dass Spitzenkräfte Spitzengehälter beziehen, kann ernsthaft niemanden aufregen. Vor allem dann, wenn diese Top-Figuren nicht nur für sich, sondern auch für die von ihnen geführten Unternehmen, die Eigentümer und Mitarbeiter erstklassige Arbeit leisten, von Kunden und Lieferanten ganz zu schweigen. Die "Gehaltsfindung", die Grundlage der Kriterien, nach denen Arbeitskraft, Leistung und Erfolge definiert und bezahlt werden, beschäftigt seit Generationen Praktiker und Theoretiker.

Alter, Branchen- und internationale Erfahrungen, Schul- und Universitätsabschlüsse mögen für Beamtenlaufbahnen brauchbare Voraussetzungen sein. Für Top-Jobs in der Wirtschaft reichen solche Attribute alleine nicht aus. Auf den anspruchsvollsten Sesseln der Firmen- und Unternehmensleitung wird als Ausrüstung wesentlich mehr benötigt. Gefordert sind Belastungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Stressresistenz, Führungs- und Überzeugungsfähigkeit, Ausstrahlung, Glaubwürdigkeit, Ansehen, Instinkt und Haltung gleichermaßen. Die Aufzählung ist durchaus unvollständig, lässt aber verstehen, warum überzeugende, erfolgreiche Führungs- kräfte immer knapp sein werden. Und damit unterliegt ihre Gehaltsfindung auch den Gesetzen des freien Marktes: Knapp und begehrt ist selten billig.

Natürlich erhalten solche Menschen kein "Gehalt". Das auch, aber ihre Bezüge setzen sich üblicherweise zusammen aus einem monatlichen Betrag, zu dem dann eine ganze Menge mehr kommt, regelmäßig nach Abschluss des jeweiligen Ge- schäftsjahres, und diese ergebnisabhängigen Summen sind in aller Regel höher als das, was die meisten Menschen jährlich als Bezahlung für ihre Arbeitskraft kennen.

"Leistung aus Leidenschaft" - Zynismus pur

Um den derzeitigen Entrüstungssturm, der auch als lodernde Wut erlebbar ist, zu verstehen, musste eine Menge zusammen kommen. Es gab in vielen der soeben zusammen gebrochenen Finanzinstitute jährliche Entgelte für ziemlich viele angebliche Spezialisten, die kein Mensch mehr versteht, selbst bei ruhiger, neidloser Betrachtung. Diesmal beschränkt sich der Ärger nicht nur auf den viel zitierten "kleinen Mann". Verständnis und Toleranz für diese alle gewohnten Grenzen sprengenden, aberwitzigen Managerbezüge gibt es auch nicht mehr bei gut bezahlten Spezialisten anderer Berufe, Unternehmern sowieso, auch nicht in der Beamtenschaft, bei Wissenschaftlern oder Politikern. Was das Fass zum Überlaufen bringt, sind nicht einmal die vielen Extras der viel Gescholtenen. Wie hoch unter dem Strich die "Extras", die Bonus-Zahlungen bestimmter Funktionen vor allem im Finanzsektor ausgefallen waren, überfällt die Öffentlichkeit jetzt wie ein Albtraum. Dass dort jährliche Zahlungen im zwei- und drei-stelligen Millionenbereich gezahlt wurden, war bisher einfach niemandem bewusst. Eine größere deutsche Bank warb mit dem schon immer etwas schrullig-großmundigen Slogan. "Leistung aus Leidenschaft". Angesichts der Bonuszahlungen wird die Bedeutung nunmehr etwas klarer.

Hatte schon die schiere Höhe der jährlichen Bonus-Zahlungen die Größenordnung satter Unternehmensgewinne mittelgroßer, sehr gut verdienender Unternehmen, ging der gutgläubignaive Betrachter natürlich bisher davon aus, dass der Anspruch auf derart aberwitzige persönliche Bezüge mindestens an ein entsprechend überdurchschnittlich glänzendes Firmenergebnis geknüpft war; eine Vorstellung, die sich immer häufiger als falsch herausstellt. Manager, die durch hoch brisante Leergeschäfte ihre zahlenmäßig aufgeblasenen Bilanzen mit fremdem Geld in eine Dimension von Verlusten und Pleiten verspielt hatten, die längst eine Weltwirtschaft ins Schlingern bringt, erhalten ihre angeblich ordentlich vertraglich abgesicherten Bonus-Zahlungen gleichwohl in einer Größenordnung, die jetzt sogar US-amerikanische Verfassungsorgane zu Wut-Reaktionen bewegt. Keine Institute, die den Verdacht aufkommen ließen, "europäischen" sozialistischen Ideen oder kommunistischen Umtriebe zum Opfer gefallen zu sein. Die US-Politik straft jetzt durch blitzartig neue Gesetze - warum fällt das eigentlich niemandem in Europa ein? - die zu schnell und zu Unrecht zu Riesenvermögen gekommenen Top-Leute amerikanischer Finanzinstitute zumindest materiell wirksam ab. Wenigstens in den Firmen, die zur Zeit nur mit Staatsknete künstlich beatmet werden.

Die US-Regierung reagiert, Berlin pennt

Ganz anders in Deutschland, Heimat des "Stupid German Money", wie es in der Wall Street liebevoll hieß, im Lande, das traditionell besonders an Gerechtigkeitsphantasien leidet, ist offenbar noch niemand auf die Idee gekommen, dem Wahnsinn der Abfindungen, der Überversorgung, des unvermeidbaren Reichwerdens durch Untüchtigkeit, Nachlässigkeit, völliges Versagen in kaum vorstellbaren Größenordnungen, einen Riegel vorzuschieben. Es ginge hier um "Verträge", die angeblich einzuhalten seien. Kein Gedanke wird hierzulande verschwendet an den denkbaren Wegfall der Geschäftsgrundlage, bisher bemüht selbst die Politik nicht den "Wichtigen Grund" in diesem Rahmen. Es geht um viel. Nämlich um einen Rest von Moral, Anstand, ein Gefühl für Proportionen bei Arbeit und Entgeld, Leistung und Belohnung. Wo für keinen normalen Menschen mehr Nachvollziehbarkeit besteht bei diesen Alltagsbegriffen, ist Gefahr im Verzug. Banken können nicht wieder gänzlich gesunden ohne Vertrauen, und das ist ohne Moral nicht zu haben.

Wenn aber schon die Banken für diesen Wertekanon jedwedes Gefühl, für Realitäten sowieso, verloren haben, muss die Politik nachhelfen. Wer denn sonst? Das kann Berlin diesmal von Washington lernen.

Jakob Penfold
23.3.09

Fotos: AP, AFP


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