Die Woche der Wahrheit: Quo vadis, HSV? Verspielt er wieder alles?

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Wo bitte geht`s zum Titel? Piotr Trochowski, David Jarolim und Paolo Guerrero ratlos auf der Zielgeraden



Wenn sogar die „Süddeutsche Zeitung“ lobt und bei Spielertransfers von Philosophie schwärmt, dann kann man ja nicht falsch liegen. Im Juni 2006 formulierten die Beobachter aus München: „Mit der Verpflichtung von Vincent Kompany bleibt der HSV der Philosophie von Präsident Bernd Hoffmann treu, vor allem junge Talente zu verpflichten, die in Hamburg einen Karriereschritt vor einem späteren Wechsel zu einem europäischen Topclub machen sollen.“

Philosophie hin, Philosophie her – die Transferpraktik von damals trieb den HSV an den Rand des sportlichen Ruins. Die Gier nach Geld aus Ablösesummen jonglierte den HSV fast in den Abstieg aus der Bundesliga. Kompanys Verpflichtung war nämlich der Verkauf der damals besten Innenverteidigung der Bundesliga vorausgegangen: Daniel van Buyten an den FC Bayern München und Khalid Boularhouz an den FC Chelsea.
Gut 20 Millionen Euro stapelte der HSV auf dem Bankkonto, aber kaum Punkte auf dem Tabellenkonto. Trainer Thomas Doll wurde als vermeintlich Schuldiger entlarvt und entlassen. Später klagte er: „Solche Transfers würde ich nicht noch einmal mit mir machen lassen.“

Geschichte wiederholt sich nicht, lautet ein Sprichwort. Der Sinnspruch ist ohne den HSV gemacht.
Der Gier des Geldes folgend verscherbelte der HSV jüngst nacheinander Vincent Kompany (Manchester City), Rafael van der Vaart (Real Madrid) und Nigel de Jong (Manchester City). Ihre Transfers spülten fast 40 Millionen Euro in die Kasse. Quasi zum Ausgleich verpflichtete der HSV im Schlussverkauf der Transferperiode zumeist auf Leihbasis fünf Spieler. Von denen aber spielt nur Michael Gravgaard (wegen des Fußbruch von Bastian Reinhardt). Alle anderen finden vor Trainer Martin Jol fachmännischen Auge keine Gnade. Ob Albert Streit oder Tomás Rincón. So tauchen gelegentlich Amateurspieler auf der Ersatzbank auf.

Der HSV steht zwar wesentlich besser da als zu Thomas Dolls Zeiten, doch der HSV schaffte nicht den Sprung dorthin, wohin er möchte – an die Spitze.
Es ist vielmehr beachtenswert, wie weit Martin Jol die Mannschaft gebracht, wie viele junge Spieler er auf gutes Bundesliga-Niveau getrimmt hat, dass die Mannschaft so lange auf drei Titel hoffen durfte. Doch seit der Niederlage gegen Bremen ist der DFB-Pokal passé und seit dem 0:2 von Dortmund vermutlich auch die Meisterschaft. Das „Hamburger Abendblatt“ titelt: „Ausgetanzt, HSV?“, die „WELT“ stellt fest: „Der HSV hinkt hinterher“. Und Trainer Jol befallen ernste Zweifel: „Die Gefahr ist groß, dass wir jetzt alles verspielen.“
Ex-Nationalspieler Willi Schulz: „ Das Gleiche haben wir vor zwei Jahren mit Huub Stevens ja schon mal erlebt. Diese Dreifachbelastung ist ein Schlauch. Das kostet Kraft und auch Nerven. Das sollte man nicht unterschätzen.“

Die allgemeinen Befürchtungen sind berechtigt. Denn nun stehen drei Spiele gegen Angst- bzw. Hass-Gegner Werder Bremen an: zweimal im UEFA-Cup, einmal in der entscheidenden Bundesliga-Phase. Dabei gingen von den letzten fünf Spielen bereits vier verloren. Und die Siege waren wahre Kraftakte, ob gegen Hoffenheim oder Galatasaray Istanbul. Das „Abendblatt“ spricht von grenzwertigen Belastungen. Denn zum Ende der Spiele taumelt die Mannschaft mehr dem Schlusspfiff entgegen als dass sie den Gegner beherrscht.

Und schwächelt erst der Körper, dann schwächelt auch bald die Psyche. Eine Binsenwahrheit unter Sport-Psychologen. Das führt dann auch zu Überreaktionen. Beispiel die Rote-Karten-Attacke von Jarolim im Spiel gegen Werder Bremen: Mit klarem Kopf wäre das nicht passiert. Oder die Spielerreaktionen nach dem Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Michael Kempter, 26, in Dortmund. Guy Demel klagte: „Aus meiner Sicht war kein Schiedsrichter auf dem Platz.“ Und Joris Matthijsen lederte los: „Wie der sich immer aufspielt, hat er zu Hause wohl nichts zu sagen.“ Das Ende der Gelassenheit…

Gewöhnlich sind es die Absteiger, die Schiedsrichter beschimpfen. Spitzenteams akzeptieren gelegentliche Fehlentscheidungen als Ereignisse des Spielalltags, die sich über die Saison ausgleichen. Als dem FC Bayern im Spiel beim HSV mindestens ein, womöglich zwei korrekte Tore nicht anerkannt wurden, krakelte nicht einmal der sonst so gerne aufgebrachte Uli Hoeneß.
Gute Geschäftszahlen, aber zunehmend schlechte Ergebnisse auf dem Platz – wenn die von der „Süddeutschen“ als Philosophie gelobten Vereinstrategien lediglich der Beförderung von Karrieren talentierter Spieler dienen sollen, dann ist beim HSV alles in Ordnung. Doch als Willi Schulz 2006 in den Aufsichtsrat gewählt wurde, beschwor er: „Der HSV muss wieder auf Augenhöhe mit dem FC Bayern München kommen.“ Er verlangte bei der Verpflichtung von Spielern „Qualität statt Quantität“. Nur wer klug in Beine investiert, wie damals Manager Günter Netzer in der zuletzt erfolgreichen Zeit des HSV, bekommt eine Chance auf große Titel. Um noch einmal den gegenwärtig schwächelnden FC Bayern zu erwähnen: Die Münchner sicherten sich bis zum letzten Vertragstag die sportliche Qualität eines Michael Ballack und damit den Titel. Für den Erhalt der Qualität verzichteten sie auf einen vorzeitigen Verkauf mit einem Ablösegewinn.

Im Ansatz konnte sich Willi Schulz mit seinen Vorstellungen durchsetzen, bei der letzten Mitgliederversammlung wurde er dennoch gnadenlos aus dem Aufsichtsrat rausgegrätscht. Genauso ging es den Kandidaten der Supporters, die von der Mitgliederzahl her eigentlich die Übermacht im Verein stellten.
Neu in den Aufsichtsrat wählten die Mitglieder Männer wie Klinik-Chef Debatin, Geschäftsmann Alexander Otto oder Unternehmer Ian Karan. Doch bei der ersten Sitzung des Gremiums waren von zwölf Räten nur fünf anwesend. Einer telefoniert fast unablässig auf dem Handy, ein weiterer ging schon nach der Hälfte der Zeit. Solche Nachlässigkeit hat der HSV nicht verdient.

Wolfgang Golz
28.4.09

Foto: Witters Sport Presse Fotos


1.

Felix

28.04.09 19:24

Sehr geehrter Herr Golz,

wenn ich mir den letzten Absatz durchlese, bekomme ich Halsschmerzen. So was kann und darf nicht sein. Ich hoffe die nächste Wahl fällt wieder anders aus und die "nicht gewählten" stellen sich erneut. Hauptsache diese Infos kommen bei den richtigen HSV-Fans auch an.

Felix

Hier ist meine Meinung dazu:

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