"In der Melancholie möchte man etwas ganz für sich behalten"
Hannelore Hogers sprichwörtliche Ruppigkeit im Umgang mit Journalisten lässt sich aus ihren Augen nicht ablesen. Es sind warmherzige Augen, Augen, die einem Kredit geben. „Wenn ein Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, gefördert werden soll, dann mache ich diesen Öffentlichkeitskram natürlich mit“, sagt sie, „aber ich lasse mich nur höchst ungern darauf ein.“
Die Frau duftet wie Herbsterde, die man zwischen den Fingern zerreibt. Sie mustert mich, als wollte sie herausfinden, ob sie in der Routine eines Interviews verharren soll, oder ob eventuell die Chance auf einen munteren Plausch besteht. Ihre Augen verengen sich dabei ein wenig und die Falten, die sich dort mit den Jahren gebildet haben, bündeln sich zu einem Strauß schöner Linien. Nur ein reifes Gesicht trägt diese Runen der Heiterkeit.
„Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?“ wurde sie einmal gefragt. „Wenn er im Umgang mit mir seinen Humor nicht verliert“, hat sie geantwortet.
Den geheimnisvollen Mann gibt es nicht
In dem Truffaut-Film „Die amerikanische Nacht“ fragt der Hauptdarsteller jeden, der ihm in die Quere kommt: „Sind Frauen magisch?“ Wie ist das mit den Männern, Frau Hoger, sind Männer magisch? Sind sie geheimnisvoll, sind sie wenigstens befremdlich? Sie lacht. Es ist ein herzhaftes, lautes Lachen, als würde ein Stapel Briketts in sich zusammenfallen. Amüsiert schüttelt sie den Kopf: „Es gibt kein Rätsel Mann. Mich interessiert sowieso nur der Mensch. Ich will Ihnen sagen, was für mich der Unterschied zwischen Mann und Frau ist: Wenn mir Frauen zu nahe kommen, ist mir das meist unangenehm ...“
Hannelore Hoger nimmt einen Schluck Campari. „Ich glaube, es gibt so etwas wie Sympathiefäden zwischen den Menschen,“ sagt sie. „Das kann sich im Blick offenbaren oder in der Art, wie jemand spricht oder auf einen zukommt. Dies sind die Momente, wo man sich jemandem verwandt fühlt, wahlverwandt. Das muss nicht in Sexualität oder Liebe münden. Das ist auch unabhängig davon, welche Geistesblitze jemand gerade von sich gibt.“
Sie schaut sich um, als müsse ja nicht jeder mitbekommen, was sie nun zu sagen hat: „Ich kann mit mir alleine gut umgehen, das konnte ich schon immer. Aber ich möchte nicht alleine leben. Ich sehe nämlich in einer Beziehung eine Bereicherung und keine Verarmung. Eine Beziehung ist wie ein Kunstwerk, an dem man ständig arbeiten muss. Das verstehen die meisten Menschen nicht.“
In der Melancholie möchte man etwas ganz für sich behalten
Es fällt das Wort Melancholie. Wir sprechen von einem Zustand, der nicht durch Hinwendung und nicht einmal durch Liebe aufzubrechen ist, der sich allein aus der Erkenntnis speist, dass alles vergänglich ist. „Melancholie kann aber auch etwas sehr Schönes sein,“ sagt Hannelore Hoger, „ich glaube, in der Melancholie möchte man etwas ganz für sich behalten ...“
Die Hoger, wie sie respektvoll genannt wird, ist nicht nur eine brillante Schauspielerin, sie ist, was viele nicht wissen, auch als Regisseurin tätig gewesen. Bereits 1980 gab sie am Schauspielhaus Bochum ihr Regiedebüt, sie kennt also beide Seiten der Medaille. Wie schätzt sie sich als Regisseurin ein?
„Es gibt einen Kardinalfehler, den ich immer wieder mache, wenn ich Regie führe,“ sagt sie. „Man darf den Prozess des Entstehens bei den Proben nicht zu schnell unterbrechen. Mein Fehler ist: ich unterbreche zuviel. Es gibt nämlich etwas, was mich an Schauspielern richtig ärgert, besonders an deutschen Schauspielern. Die spielen zu wenig, die sind nicht experimentierfreudig, die improvisieren nicht. Die fragen ständig: ´Was soll ich denn jetzt machen?` Weiß ich doch nicht. In Zukunft werde ich meine Schnauze halten. Das Blöde ist, die denken immer, sie müssten so agieren, wie ich es machen würde. Wie ich es machen würde, weiß ich aber gar nicht. Aber ich will auch nicht, dass der das so macht, wie er es gerade macht ...“ Sie lacht. „Ich muss doch nur beobachten. Und wenn mir nichts angeboten wird, dann entsteht auch nichts. Ich bin nur für die Auswahl zuständig, aber manchmal habe ich gar keine Auswahl.“
Schauspieler sind ganz unsichere Menschen
Die bösesten Worte über Schauspieler stammen wohl von Friedrich Nietzsche. Schauspieler, so Nietzsche, hätten kein eigenes Zentrum, nur deshalb schmarotzten sie in den Schicksalen von Personen herum, die andere für sie erfunden haben. Hannelore Hoger lächelt, sie will das gar nicht von der Hand weisen. „Sehen Sie,“ sagt sie fast entschuldigend, „Schauspieler sind oft ganz unsichere Menschen, denen kann man mit einem falschen Satz das Leben verderben. Außerdem sind sie unglaublich egoistisch. Man kann nach einer Vorstellung mit halber Lunge, einem kaputten Ohr und vermanschten Augen zu ihnen in die Garderobe kommen und die fragen nicht etwa, wie es einem geht, sondern: Wie war ich? Ich selbst identifiziere mich nie mit einer Rolle, ich weiß gar nicht, wie das geht.“
Aber das Publikum tut es. „Das ist in der Tat ein merkwürdiges Phänomen. Wie häufig passiert es mir, dass jemand auf der Straße vor mir steht und sagt: Oh guck mal, Bella Block! Und wenn ich mal eine negative Rolle im Fernsehen gespielt habe, heißt es: Das hätten wir aber nicht von Ihnen gedacht! Ob die Leute mich mit Bella Block oder Tante Eulalia verwechseln, ist mir egal, das ist ihr Problem.“
Wie erklärt sie sich den Erfolg von „Bella Block“? Schließlich wimmelt es im Fernsehen von Kommissarinnen und Kommissaren. „Keine Ahnung, was die Leute an mir finden. Die denken vermutlich an eine Frau wie dich und mich. Ich sehe relativ normal aus, habe keinen Glamour. Das gefällt den Leuten. Ist aber eher negativ. Oder?“ Sie streicht sich das Haar aus der Stirn: „Vielleicht sollte ich mich neu erfinden. Wie die Callas. Die hat das geschafft mit ihrer Sonnenbrille und ihren Posen.“
Ist Hannelore Hoger in der Lage, ihre persönlichen Gefühle und Tragödien aus dem Arbeitsalltag heraus zu halten? Oder inspiriert sie das eher? „Ich mache gar nichts bewusst,“ antwortet sie. „Was in meinem Leben passiert, hat immer zu mir gehört, ist auch in meine Arbeit eingeflossen. Zwangsläufig. Ich bin durch viele Erschütterungen gegangen und sie waren immer willkommen.“ Sie blickt mich nachdenklich an. „Die sollen ruhig kommen. Die Erde bebt und speit Feuer. Dann schließt sie sich wieder und hat einen Ausdruck. Mich interessiert der Ausdruck. Manchmal kriegt der eine einen Backs und man selbst die Keule. So ist das mit dem Risiko im Leben. Wer davor Angst hat, muss zu Hause bleiben...“
Dirk C. Fleck
14.1.09
Zur Person
Hannelore Hoger wurde 1941 in Hamburg geboren. Sie studierte bei Eduard Marks Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Ihr Bühnendebüt gab sie 1961 am Stadttheater Ulm. 1965 war sie in dem TV-Film „Zeitsperre“ erstmals im Fernsehen zu sehen. 1968 folgte ihr Kinodebüt in Alexander Kluges „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“. Nach Engagements in Bremen und Stuttgart gehörte Hannelore Hoger von 1980 – 85 dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg an. Danach arbeitete sie am Wiener Burgtheater sowie am Schiller-Theater in Berlin. Zum bundesweiten Fernsehstar avancierte die Schauspielerin 1988 als Mutter Lea in dem fünfteiligen TV-Spiel „Die Bertinis“. Seit 1994 spielt sie die Kommissarin Bella Block in der gleichnamigen ZDF-Serie, ihr größter Publikumserfolg. Ihre Tochter Nina ist ebenfalls Schauspielerin.











Meinungen zum Artikel
Marie aus Hamburg
15.01.09 10:25
Ein wirklich sehr gelungenes, lebendiges Porträt, ich habe es mit großem Vergnügen gelesen. Ich verehre Hannelore Hoger schon seit Jahren und habe sie aus ihrer Zeit am Deutschen Schauspielhaus noch in bester Erinnerung.
Hier ist meine Meinung dazu: