Hier liegen die Träume der Superreichen auf Kiel

Themenfelder:
Eine moderne Yacht im klassischen Stil: Die
"Hetairos" (42,84 Meter Länge) wurde 1993 in
Lemwerder gebaut

Hermann Schaedla ist ein stolzer Vater. Das sind andere auch, aber wohl kaum einer blickt auf eine so reiche Kinderschar wie er. Über 4 000 sind es inzwischen. Viele seiner „Babies“ sind in die Jahre gekommen, aber nicht wenige strotzen noch immer vor unbändiger Lebenskraft. Man trifft sie auf der ganzen Welt, zu erkennen sind sie an einem feinen Goldpfeil, der ihre Körper markiert.

Die Kinder des Hermann Schaedla sind natürlich keine Wesen aus Fleisch und Blut, trotzdem verfügen sie über Seele und Persönlichkeit, davon ist der Bremer Unternehmer fest überzeugt. Seit 102 Jahren wird an der Unterweser Yachtgeschichte geschrieben. Das Familienunternehmen Abeking & Rasmussen, dem Schaedla als Geschäftsführer vorsteht, genießt unter der betuchteren Klientel dieses Planeten ein Renommee, wie es besser nicht sein könnte. Ob der Aga Khan oder Fiat-Chef Agnelli – sie alle bestellten in Lemwerder. Denn jede Yacht, welche die Traditionswerft verlässt, ist auch ein Statussymbol, das gibt Schaedla unumwunden zu. „Die Yacht“, sagt er, „ist sogar das größte Statussymbol unserer Zeit. Eine Insel kann man nicht jederzeit vorzeigen, ein Flugzeug auch nicht, das steht die meiste Zeit im Hangar. Mit einer Yacht aber kann man die exklusivsten Häfen der Welt ansteuern und sich sehen und bewundern lassen.“

Hermann Schaedla hat Verständnis für Kunden, die ihr feines Schiff gerne zur Schau stellen. Aber er verhehlt auch nicht, dass seine Sympathie eher den Bestellern von Segelyachten als den von Motoryachten gilt. „Mit einer Motoryacht fährt man von A nach B, ohne dass sich das Erlebnis an Bord wesentlich verändert. Eine Segelyacht führt bei jedem Turn durch wetterabhängige Höhen und Tiefen, auf ihr steht die Verbundenheit mit der Natur im Mittelpunkt. Motoryachten werden ja häufig nur im Hafen genutzt, da ist man schon im Innenbereich happy.“

"Segel- und Motoryachten: Das sind zwei Welten"

Allerdings hat der Motorbootmarkt in den letzten Jahrzehnten klar übernommen, er macht fast 80 Prozent des Yacht-Gesamtvolumens aus. Ein passionierter Segler wie Schaedla sieht die Entwicklung zwar insgeheim mit Bedauern, ist aber nüchtern genug zuzugeben, dass sie der Firma nicht geschadet hat. „Aber die Beziehungen zu den Eignern unserer Segelyachten hat eine andere Qualität, sie halten über Jahre und manchmal wird sogar Freundschaft daraus.“ Er berichtet von einem Kunden, der seine Yacht in Lemwerder abholte und von hier aus direkt nach New York gesegelt ist. „Von New York führte ihn sein Weg um Feuerland herum in den Pazifik, später war er in Grönland an der Eisgrenze unterwegs, da braucht man eine Menge seglerisches Können. Es ist schön, wenn der Kunde die gleiche Liebe zum Segeln hat wie man selbst. Im Gegensatz zu heute bedeutete der Begriff Yachting früher ja im wesentlichen Segeln, das war eine Lebenseinstellung.“

Es fällt auf, wie intensiv Hermann Schaedla im Laufe unseres Gesprächs dem Thema Yachtbau verhaftet bleibt. Dabei macht dieser Sektor bei Abeking & Rasmussen gerade noch 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die Firma hat es verstanden, ihre Nase rechtzeitig in den Wind der Zeit zu hängen. Weitere 40 Prozent der ausgeführten Aufträge bestehen aus sogenannten „Behördengeschäften“. Die Palette reicht von Seenotrettungskreuzern über Forschungsschiffe und Polizeiboote bis hin zu Patrouillenbooten für die Marine. Die restlichen zwanzig Prozent werden durch Umbauten und Reparaturen erwirtschaftet. Die kleine aber feine Bremer Werft genießt mittlerweile auch im Bereich der High-Tech-Fahrzeuge einen ausgezeichneten Ruf. Viele der futuristisch anmutenden Katamarane, die weltweit mit Highspeed im Fährverkehr unterwegs sind, wurden in Lemwerder konstruiert und gebaut. „Von den deutschen Auftraggebern alleine könnten wir nicht leben“, bestätigt der A&R-Vertriebsprofi Michael Ahrens. „Die Märkte verändern sich, da muss man in die Offensive gehen. Ein modernes Marketing ist wichtig, denn nicht alle, die auf der Welt in atemberaubender Geschwindigkeit zu neuem Geld kommen, kennen sich aus mit den Traditionswerften.“

Die neureichen Russen kaufen ein Schiff wie ein Auto

Apropos neues Geld. Es ist bekannt, dass das organisierte Verbrechen nach dem Niedergang des Kommunismus Unsummen verdient, die gerne in teure Statussymbole investiert werden. Sind diese Herren inzwischen auch in Lemwerder vorstellig geworden? Hermann Schaedla lacht. „Ich weiß, dass die überall unterwegs sind mit ihren Koffern voller Bargeld, aber zu unseren Kunden gehören sie nicht. Die kaufen ein Schiff wie man ein Auto kauft, die wollen das fertige Produkt sehen und mitnehmen. An der Entwicklung des Schiffes sind die nicht interessiert. Das machen wir nicht, das läuft bei uns anders.“

Schaedla hat nichts dagegen, wenn man die edle Yachtschmiede Abeking & Rasmussen schlicht eine Werft nennt. „Aber in Wirklichkeit sind wir keine Werft, sondern ein Spielzeughersteller für erwachsene Männer“, sagt er und lächelt verschmitzt. Unsere „Spielzeuge“ - jetzt sind wir wieder bei den Yachten - werden in enger Korrespondenz mit den Auftraggebern hergestellt, die natürlich exakte Vorstellungen mitbringen, welche es dann umzusetzen gilt. „Wir bauen komplexe Fahrzeuge, wir müssen ein breit angelegtes Fachwissen haben. So etwas geht hier noch, weil wir über hoch qualifizierte Leute verfügen.“

Da die Yachten von Abeking & Rasmussen nicht in Serie erstellt werden, sondern jede für sich individuell auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten sind, bedarf es bei der Herstellung einer ausgefeilten Logistik. Maschinen, Rohrleitungssysteme, Elektronik, Inneneinrichtung – das alles wird zugeliefert und die Lieferungen müssen zeitlich genau aufeinander abgestimmt sein. Bevor ein Boot in der Bremer „Spielzeugfabrik“ auf Kiel gelegt wird, plant die Werft den Bau bis ins letzte Detail durch, immer in Korrespondenz mit dem Eigner. Fünf Monate etwa. Interface zum Kunden nennt man das. Aber der Kunde ist in der Regel umgeben von eigenen Beratern, die alle ein Wörtchen mitreden wollen: Designer, Kapitäne, Bauaufsicht etc. „Die sind von Anfang an dabei, das ist ein hoch komplizierter Kommunikationsvorgang.“ Nach zwei Jahren Bauzeit, so der durchschnittliche Erfahrungswert, geht es dann auf Jungfernfahrt, ein Datum, dem sowohl die Eigner als auch die Werft entgegen fiebern.

Übern Daumen gepeilt kostet ein Meter Yacht eine Million Dollar

Über die Preise seiner „Babies“ schweigt sich Hermann Schaedla vornehm aus. „Ich nenne Ihnen allenfalls einen groben Richtwert, der aber sowohl nach oben wie nach unten erheblich abweichen kann. Eine Millionen Dollar für einen Meter ...“ Das muss man erst einmal sacken lassen, vor allem wenn man bedenkt, dass die Yachten heutzutage immer größer werden. „50 Meter Länge sind heute normal“, bestätigt Schaedla, „wenn wir groß sagen, reden wir von einer Länge zwischen 130 und 150 Metern ...“

Der in San Francisco geborene Mann dänischer Abstammung kam zu der Werft wie die Jungfrau zum Kind. 1954 war es, als der Zwanzigjährige während einer Urlaubsreise seinem Großvater Henry Rasmussen in Bremen kurz guten Tag sagen wollte. Die beiden verstanden sich vortrefflich. Fünf Jahre später, kurz vor dem Tod Henry Rasmussens, verfügte dieser, dass fortan sein Enkel die Geschicke der Werft leiten sollte. Inzwischen hat auch Schaedla seine Nachfolge längst geregelt. Sein 1962 in Bremen geborener Sohn Hans wird die Familienwerft in Kürze übernehmen.

Ihm wird ein Betrieb anvertraut werden, dessen Belegschaft gewohnt ist, am Limit zu arbeiten. „Zwölf Stunden pro Tag sind die Regel,“ bestätigt Hermann Schaedla, „die 35-Stunden-Woche funktioniert nicht in einem Handwerksbetrieb wie dem unsrigen, ich brauche hungrige Mitarbeiter. Jeder kann bei Abeking & Rasmussen Karriere machen. Ich will hören, dass meine Führungskräfte an meinem Stuhlbein sägen ...“ Bei diesen Worten verzieht sich sein Mund zu einem breiten Grinsen. Auch sein Grinsen scheint diesen amerikanischen „Akzent“ zu besitzen, der sich so unausrottbar in seine Sprache geschlichen hat und der noch die härtesten kapitalistischen Statements charmant abzufedern weiss ...

Dirk C. Fleck
17.4.09


Die Firma

1907 gründeten der dänische Schiffbauingenieur und Yachtdesigner Henry Rasmussen und der deutsche Ingenieur Georg Abeking die Werft Abeking & Rasmussen. 1925 orderte ein Bostoner Eigner vier Rennyachten, deren Regatta-Erfolge den Bremern den bis heute wichtigen US-Markt erschlossen.

Die Werft blieb im zweiten Weltkrieg unbeschädigt. 1949 lief die „Rubin I“ des Hamburger Eigners Hans-Otto-Schümann in Lemwerder vom Stapel, die den Grundstein für die erfolgreichste Hochseekarriere aller Zeiten bilden sollte. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1959 legte Henry Rasmussen das Schicksal des Unternehmens in die Hände seines Enkels Hermann Schaedla.

1988 setzte A&R mit der 36 Meter langen Segelyacht „Extra Beat“, die Fiat-Chef Agnelli in Auftrag gegeben hatte, neue Maßstäbe im Yachtbau. Neben dieser Domäne laufen bei A&R auch Fischerei-, Seenotrettungs-, Feuerlösch- und Marineboote vom Stapel. Außerdem engagiert sich die Firma in der Produktion von Rotorblättern für Windernergieanlagen und anderen innovativen Entwicklungen im High-Tech-Bereich.

Weitere Informationen unter www.abeking.com


Keine Meinungen vorhanden

Hier ist meine Meinung dazu:

*
*


*

Themenfelder

 stadt   kultur   sport   politik   gesellschaft   umwelt   leute   wirtschaft   st. pauli   hsv   erotik   video 

Der g-m-h-Briefkasten

Ärger mit den Behörden? Verdacht auf Korruption? Hinweise auf Umwelt- verschmutzung? Informieren Sie uns!
Wenn erwünscht auch anonym.
Wir gehen Ihren Informationen nach

Einwurf

Das "Alsterhaus"
mehr...

Alles Theater

Der andere Mensch
mehr...

Meine Stadt

Liebeserklärungen
mehr...

Zitat der Woche


"Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat."


Mark Twain (1835 - 1910), amerikanischer Schriftsteller

Video

Traumbilder

Hamburgs schönste Bildergalerie
mehr...

Erotik-Kunst

Hamburg Heute - 05.02.2012

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, wenn Sie über neue Beiträge automatisch informiert werden möchten.



UNSERE PARTNER...