"Wir kennen die Verlorenheit unserer Eltern"

- Hilmi Sözer: "Wir dürfen nicht weiter stumm nebeneinander existieren"
In „Voll normal“, „Ballermann 6“ und „Schuh des Manitu“ wurde Hilmi Sözer einem breiten Publikum bekannt. Als Unternehmer Ali in Christian Petzolds aktuellem Film „Jerichow“ machte er jetzt sogar Hollywood auf sich aufmerksam. Zwischendurch zieht es den Vorzeigetürken des deutschen Films jedoch immer wieder zur Bühne: Gemeinsam mit Kristian Bader, Michael Ehnert und Jan Christof Scheibe präsentiert Sözer derzeit im Altonaer Theater in Hamburg „Schillers sämtliche Werke…leicht gekürzt“. Guten-Morgen-Hamburg sprach mit dem Schauspieler über das Stück, Gastarbeiter, Migranten und Brückenbauer.
Herr Sözer, was verbindet Sie mit Schiller? Seelenverwandtschaft?
Auf jeden Fall. Um die Uraufführung seiner „Räuber“ zu erleben, musste er gegen Gesetze verstoßen und heimlich Landesgrenzen überschreiten. Freiheit war ein zentraler Begriff für ihn. Seine Figuren stoßen und reiben sich an verschiedenen Kulturen. Darin sehe ich Parallelen zu mir. Schiller begnügte sich nicht mit seinem kleinen Reich. Er verkörpert so etwas wie Weltgeist, eine Kraft, die Grenzen aufbricht.
Womit muss man rechnen, wenn ein Komödiant und drei Kabarettisten Schillers gesammelte Werke inklusive „entfallener Szenen und Outtakes“ in zwei Stunden durchziehen?
Es ist keine Klamotte, keine Angst. Mit unserer Lust an der Komödie wollen wir Schillers Tiefe mit der heutigen Leichtigkeit verbinden. Man wird hier einen wunderbaren Abend haben, ohne Schiller zu kennen. Und wenn man Schiller kennt, hoffe ich, wird der Abend umso schöner, weil man die Anspielungen versteht.
Empfinden Sie die Heiterkeit als Erholung nach den intensiven Dreharbeiten zu „Jerichow“?
Es ist für mich nicht nur eine Erholung, etwas Heiteres zu machen. Es ist ein wunderbares Geschenk, alle Elemente, dramatische und komödiantische, parat zu haben. Es entspricht meiner Art, Theater und Leben zusammenzubringen. Auch bei Schiller sind wir auf eine gewisse Art privat auf der Bühne. Wenn es zum Beispiel heißt: Du kannst nicht Schiller spielen, du bist ja Türke.
Dann sind wir wieder mitten im Deutschland der Gegenwart. Wie kontern Sie?
Zum Beispiel mit einem Witz über Schillers „Wilhelm Tell“. Der ist Schweizer. Und weiter entfernt als die Schweiz kann man von Europa doch gar nicht sein, oder?
Durch die jüngste Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ist die Debatte über Integration neu entflammt. Es scheint fast, als habe der Film „Jerichow“ die Initialzündung gegeben. Beide Männer - der aus Afghanistan zurückgekehrte Soldat Thomas und der von seiner deutschen Frau ungeliebte türkische Unternehmer Ali - sind auf der Suche nach Heimat.
Ich würde hier gern den Begriff „Seele“ einführen. Alis Seele kann sich nie ausruhen. Auch nicht bei dem Tanz, den Thomas brutal mit den Worten „Du tanzt ja wie ein Grieche“ unterbricht. Dieses Stumm-Nebeneinander-Existieren ist das eigentliche Drama, das in der deutsch-türkischen Diskussion gerade abgeht. Ali hat eine verzweifelte Sehnsucht, so etwas wie Heimat aufzubauen, aber er merkt, dass er es nicht leben kann.
Sie sind in Tönisberg, Nordrhein-Westfalen, aufgewachsen. Mussten Sie Heimat aufbauen? Fühlten Sie sich akzeptiert?
Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt. Wir waren die einzige türkische Familie in unserem Ort, ich bin in eine katholische Grundschule gegangen, hatte deutsche Freunde, meine Theaterfamilie. Alles war für mich ganz normal deutsch. Erst viel später habe ich gemerkt, was es bedeutet, in Deutschland Türke zu sein.
Wann war das?
Als ich mit Anfang 30 nach Berlin ging. Da sind die Gräben richtig tief. Da existieren echte Parallelgesellschaften, und meines Erachtens gibt es wenig Versuche, die zusammenzuführen. So etwas kannte ich nicht. Im Ruhrgebiet wohnen Spanier, Polen, Italiener und Türken Tür an Tür. Das internationale Proletariat. Außerdem hatte ich das Glück, seit meinem 14. Lebensjahr meine Theatergruppe zu haben, zu denen konnte ich mich immer zurückziehen.
Aber in Ihrer eigenen Familie gab es Probleme?
Meine Eltern wollten nie, dass ich Theater spiele. Mein Vater fuhr jeden Morgen um fünf Uhr unter Tage, Doppelschichten kloppen, damit wir uns Möbel kaufen konnten. Meine Mutter war Bankdirektoren-Tochter und eine gebildete Frau. In ihrem Dorf war sie eine Prinzessin. Sie hatte einen hübschen jungen Mann geheiratet, der eine Schreinerlehre machte und dann nach Deutschland ging. Als meine Mutter 1975 mit mir nachkam, drehten sich alle Vorzeichen um: Ihr Mann war Gastarbeiter.
Darunter muss sie sehr gelitten haben …
Bei uns in der Familie war die Hölle los.. Erst in den Familien von Freunden habe ich gemerkt: Man kann ja auch reden und muss nicht zu anderen Mitteln greifen.
In der Türkei wird Gewalt gegen Frauen immer noch gesellschaftlich toleriert. Nach Angaben der türkischen Regierung gab es in den vergangenen sechs Jahren 1800 sogenannte „Ehrenmorde“.
Man muss aber auch sehen, in welchen Schichten das passiert. In den vergangenen Monaten und Jahren gab in Deutschland auch immer wieder Kindesmisshandlungen, Vergewaltigungen, Kindestötungen. Ist es typisch deutsch, sein Kind mit Essig zu füttern oder im Keller gefangen zu halten?
Sicher nicht.
Eben. Das Christentum hat bestimmt genau so viel Brutalität hervorgebracht, wie die gelebte Tradition des Islam. Da muss man nicht mal die Kreuzzüge erwähnen. Ist die Religion deshalb schlecht? Nein, man muss differenzieren. Bis zum 11. September 2001 war noch eine gewisse Differenzierung möglich. Die ist jetzt vorbei. Plötzlich sind alle Türken Islamisten und könnten Terroristen sein.
Ihre Frau ist Französin und Ihre beiden Kinder wachsen dreisprachig auf …
Eine tolle Chance, sich aus nationalen Zusammenhängen zu befreien. Ich glaube, wir Türken der zweiten Generation, hier in Deutschland, haben eine Brückenfunktion. Unsere Aufgabe ist es zu versöhnen. Wir kennen die Verlorenheit und Trauer unserer Mütter, hier nicht zu Hause sein zu dürfen. Wir kennen die Sprachlosigkeit und den Kampf um Normalität. Wir spüren, was an Ängsten da ist, nach 40 Jahren versäumter Gemeinsamkeit.
Und auch an Wut?
Sicher. Als die Ford-Werke Anfang der 60er Jahre 12 000 Türken anwarben, waren die Gastarbeiter in Lagern gettoisiert. Die sollten ja nicht an deutsche Frauen ran. Vor diesem Hintergrund sind die Parallelgesellschaften entstanden. Ich bin stolz auf meine Landsleute, wir gut sie damit umgehen. Hier brennen noch keine Autos wie in Frankreich. Ohne die Millionen Gastarbeiter gäbe es dieses blühende Deutschland nicht. Dem muss man mal Tribut zollen und den Gastarbeitern ein Denkmal setzten. Vielleicht ist auch eine Entschuldigung angebracht.
Stattdessen wächst die Fremdenfeindlichkeit ...
„Scheiß-Ausländer“ - solche Sprüche erlebe ich beim Brötchenholen. Das ist Teil der Wirklichkeit und begegnet mir relativ regelmäßig. Ich habe aber auch das Glück, die andere Seite zu erleben: Dass sich jemand total freut, mich zu erkennen und mir begeistert erzählt, wie viel Spaß ich ihm gebracht habe.
Durch „Jerichow“ werden Sie jetzt richtig berühmt.
Der Film war für mich einfach toll. Der Regisseur Christian Petzold ist ein Geschenk für jeden Schauspieler. Feinstes Hollywood.
Und? Würden Sie gehen, wenn Hollywood ruft?
Ich glaube nicht. Ein Freund hat mir mal gesagt: Du bist Türke in Deutschland – DAS ist schon Hollywood genug ...
Das Interview führte Isabelle Hofmann
Foto: Hofmann
27.2.09
„Schillers sämtliche Werke… leicht gekürzt“ läuft bis 13. April im Altonaer Theater, Museumstraße17, Karten unter (040) 399 05 870.










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