Die Gille-Brüder im Exklusiv-Interview: "Unsere Zuschauer sind Teil der Mannschaft"

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Foto: Marc Rehbeck

Die französischen Brüder Bertrand (30) und Guillaume Gille (32) sind die letzten Spieler der ersten Stunde, die 2002 mit dem HSV Handball in die Bundesliga starteten. Ihre Verträge haben sie bis 2011 verlängert. Trainer Martin Schwalb: „Sie sind ein ganz wichtiger Teil der Geschichte des HSV. Der HSV ist ihr Baby.“

Die Gilles begannen ihre Karriere bei OSC Loriol und kamen über Chambery Savoie, wo jetzt ihr jüngerer Bruder Benjamin spielt, zum HSV. Sie wohnen in Norderstedt in derselben Straße. Beide sind verheiratet und haben jeweils drei Kinder. Besonderheit bei Rückraumspieler Guillaume Gille: Er ist ein mit rechts werfender Linkshänder. Kreisläufer Bertrand bestritt 219 Länderspiele, Guillaume 257. Sie wurden gemeinsam französischer Meister und Pokalsieger, deutscher Pokal- und Supercup-Sieger. Sie gewannen mit dem HSV den Europacup der Pokalsieger und holten mit Frankreich den Europa- und Weltmeistertitel, dazu 2008 Gold bei Olympia.

Guten-Morgen-Hamburg: Handball ist ein sehr schneller Sport, athletisch, manchmal auch brutal hart. Der Sport-Beobachter wundert sich: Warum passieren auf dem Platz relativ wenige Verletzungen?
Guillaume Gille: Die Frage muss man anders stellen: Warum passiert so viel? Der hohe Rhythmus ist nicht mehr zu ertragen. Wenn man den internationalen Turnierkalender sieht, findet Handball vom 1. Januar bis zum 29.Dezember statt. Daraus resultieren viele Verletzungen. Es müsste reglementiert werden, die Belastung zu senken.

Guten-Morgen-Hamburg: Monsieur Bertrand, Sie tragen während des Spiels einen Mundschutz wie die Boxer. Ist Handball so gefährlich wie Boxen?
Bertrand Gille (1,87 Meter): Die meisten Abwehrspieler sind größer als ich, und so bin ich mit meinem Mund oft auf Höhe ihrer Ellenbogen. Der Mundschutz ist reine Prophylaxe.

Guten-Morgen-Hamburg: Wie sprechen Sie im höchsten Stress des Spiels miteinander – Französisch oder Deutsch?
Bertrand: Meistens Deutsch. Falls wir kurz eine Taktik ansagen, die der Gegner nicht verstehen soll, dann Französisch.
Guillaume: Deutsch natürlich. Wir sind doch nicht allein auf dem Spielfeld. Wir haben die Kultur und die Sprache gelernt, denn man muss bereit sein, das Ganze zu begreifen. Nur spielen, Leistung bringen und Geld kassieren – nein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, in der Bundesliga anders als Deutsch zu sprechen. Das ist vielleicht der Unterschied zu anderen Sportarten. Wir können natürlich auf Deutsch auch meckern und beleidigen. Anfangs haben wir uns in Englisch verständigt. In der Schule hatten wir zwar als zweite Fremdsprache Deutsch, doch sie war ganz, ganz tief im Hinterkopf vergraben.

Guten-Morgen-Hamburg: Sie sind Welthandballer, Europacupsieger, Weltmeister und Olympiasieger – sehen Sie Ihre Leistungen angemessen anerkannt?
Bertrand: Der Handball hat schon viele Fortschritte gemacht, aber er muss sich immer weiter entwickeln. Wir sind in keinem Fall neidisch auf die Fußballer.
Guillaume: Wir sind ganz zufrieden. So kann ich mit meiner Frau und den Kindern in der Stadt einkaufen gehen, ohne dass ich angesprochen oder bedrängt werde.

Guten-Morgen-Hamburg: Aber in Frankreich sind Sie Volkshelden …
Bertrand: Wir genießen Sympathie und Popularität – aber von Volkshelden sind wir weit entfernt. In Deutschland ist das anders, da hat Handball eine ganz andere Tradition. Sie wissen in Frankreich, dass sie eine super Handball-Mannschaft haben, und die Resonanz wird immer größer. Man fiebert mit uns.

Guten-Morgen-Hamburg: HS Handball und HSV Fußball – das sind zwei ungleiche Brüder. Die einen bieten Weltklasse und verdienen gut, die anderen sind nationale Klasse und bekommen Millionen. Man könnte neidisch werden, oder?
Guillaume: Warum neidisch sein? Wir leben doch in völlig anderen Welten. Vergleiche mit dem Fußball kann man nicht ziehen. Im Fußball herrschen besondere Parameter. Dort sind so viele Sponsoren, die um den Fußball herum ihre Geschäfte machen. Da ist es doch natürlich, dass sie so viel verdienen. Obwohl die Summen, die man manchmal in der Zeitung liest, ein bisschen übertrieben sind.

Guten-Morgen-Hamburg: Wer wird denn Deutscher Meister? Sie oder die Fußballer?
Bertrand: Ich würde gerne sagen: beide. Aber es wird schwierig für beide. Für die Fußballer ist es sehr eng, bei uns müssen wir die Meisterschale wohl nach Kiel bringen. Aber wenn wir eine super Rückrunde spielen…

Guten-Morgen-Hamburg: Ihre Fans erheben sich kurz vor Ende eines jeden Spiels und applaudieren minutenlang: Respekt, Anerkennung, Zuneigung. Wie eng empfinden Sie die Spieler-Zuschauer-Bindung?
Bertand: Die Zuschauer wissen, dass sie ein gutes Handball-Team haben und wir versuchen, so viel Freude zu geben, wie uns möglich ist. Es hört sich vielleicht doof an, aber sie unterstützen uns so geil. Manchmal bin ich grottenschlecht, sie klatschen trotzdem und stehen immer hinter uns.
Guillaume: Fans und Verein haben eine turbulente Geschichte hinter sich. Sie wissen, welche Leistung wir anfangs trotz aller Probleme gebracht haben. Wir sind aus der Asche zurückgekehrt. Deshalb sind die Zuschauer Teil der Mannschaft. Wie kompliziert manchmal die Situation auch gewesen ist, sie haben uns immer den richtigen Impuls gegeben. Diese Gemeinsamkeit ist phantastisch.

 

Die Gille-Brüder sind beeindruckt von der Stimmung, die bei den Heimspielen des HSV in der Color-Line-Arena herrscht


Guten-Morgen-Hamburg: Tusem Essen insolvent, Nordhorn insolvent – schwere Zeiten für die Handball-Bundesliga?
Bertrand: Die Finanzkrise beeinflusst die ganze Welt. Ich kann mir nicht denken, dass der Sport nicht betroffen sein wird. Es ist vorstellbar, dass die Sponsoren vorsichtiger werden.

Guten-Morgen-Hamburg: THW Kiel und Rhein-Neckar Löwen streiten sich um Ihren Landsmann Nikola Karabatic. Warum greift der HSV nicht als lachender Dritter zu?G
Guillaume: Die machen schon genug Show, warum sollen wir da noch was sagen? Es ist schon etwas Besonderes, denn Karabatic ist einer der besten Handballer der Welt. Aber Kiel hat ihn damals auch aus einem Vertrag herausgekauft, Torwart Omeyer ebenso. Wenn es sein Wille ist, woanders zu spielen, müssen die Vereine probieren, sich zu einigen.
Bertrand: Auch wenn es sich blöd anhört: So ist das Geschäft. Kiel hat es mit geprägt. Man muss die Motivation des Spielers respektieren.

Guten-Morgen-Hamburg: Würde der HSV mit Karabatic Meister werden?
Bertrand: Das wird nicht passieren, also müssen wir uns darüber keine Gedanken machen. Ich für meinen Teil würde jedenfalls zu denen nicht wechseln, weder nach Kiel noch zu den Löwen. Ich fühle mich hier so wohl, wir haben eine Spitzenmannschaft und alles, was man als Leistungssportler braucht.

Guten-Morgen-Hamburg: Die Hamburger behaupten, Hamburg sei eine der schönsten Städte, für Sie auch?
Bertrand: Hamburg ist für uns eine positive Überraschung. Als wir 2002 herkamen, kannten wir den Hamburg-Marathon und hatten den Fernsehturm ein paar Mal gesehen, mehr nicht. Zum Glück hat sich bestätigt, dass Hamburg eine der schönsten Städte ist, ohne Zweifel. Es gibt so viele schöne Ecken, so viele Veranstaltungen, Hamburg ist multikulturell.

Guten-Morgen-Hamburg: In Hamburg wird viel über fehlende Integration ausländischer Mitbürger diskutiert. Wie lief das bei Ihnen ab? Sie sprechen nahezu akzentfrei Deutsch.
Guillaume: Am Anfang gab es um den Verein herum viel Mist, die Spieler hatten Probleme, es hagelte negative Schlagzeilen. Deshalb war die Integration für uns, obwohl wir ja privilegiert sind, genauso schwierig wie für einen Arbeiter. Entscheidend ist: Du musst die Sprache verstehen.

Guten-Morgen-Hamburg: Bertrand, Sie wurden schon zum Welthandballer gewählt, jetzt wurde Ihr Bruder Guillaume, der Ältere, in Ihrer Abwesenheit Weltmeister. Hat er sich von Ihnen emanzipiert?
Bertrand: Ich sehe den individuellen Erfolg nicht als Besonderes an. Die Mannschaft ist viel wichtiger. Denn der individuelle Erfolg ist nichts wert, wenn du ihn nicht teilen kannst.
Guillaume: Bertrands Erfolge haben schon ihren Wert. Doch die Klasse eines Sportlers zeigt sich erst richtig, wenn er kollektive Erfolge gefeiert hat.

Guten-Morgen-Hamburg: Blick nach vorn – wen von Ihnen werden wir irgendwann als Trainer wiedersehen?
Bertrand: Eines kann ich sagen - mich nicht.
Guillaume: Es ist noch zu früh, daran zu denken. Sicher ist die Pädagogik und das Menschenmanagement keine einfache Sache. Und als Trainer kannst du, anders als wir Spieler, deinen Stress nicht auspowern. Ich weiß es selber nicht.

Das Interview führte Wolfgang Golz
20.2.09

 


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