Besuch bei Hamburgs "Steine-Priesterin"

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Es gibt Menschen, die können sich nicht verstellen, selbst wenn sie es wollten. Colleen B. Rosenblat gehört zu ihnen. Das ist nicht besonders förderlich in einer Gesellschaft, in der das Rollenspiel so eminent wichtig geworden ist, vor allen Dingen, wenn man mit seinem Namen für ein Lable steht, das seinen guten Ruf immer aufs Neue bestätigen muss. Und das tut die Dame seit über zehn Jahren. Mit der Eröffnung ihres Hamburger Showrooms setzte sie sich deutlich in Szene in der Szene.

„Der Gedanke an diese Eröffnung strengt mich heute noch an“, sagt sie lachend, „ich war fix und fertig.“ So ist das, wenn der Berufung der Beruf, oder zeitgemäßer ausgedrückt: das Business folgt. Aus der Goldschmiedin ist eine berühmte Schmuckdesignerin geworden. Porträts über sie erschienen in allen Hochglanzmagazinen, die für die Beauty-Träume der Frauen verantwortlich sind. In den USA berichteten Elle, Vogue, Mirabella und die legendäre „W“ über die deutsche „Steine-Priesterin“.

Colleen B. Rosenblat weiß sehr wohl, wer sie geworden ist. Sie war ja nicht unschuldig daran. Zwei Jahre hatte sie nach einem Ort gesucht, der ihren Vorstellungen entsprach, bis sie diese verfallene, etwas abseits gelegene Remise am Mittelweg fand. Jungfernstieg oder Neuer Wall durften es nicht sein, sie mag sich nun mal nicht im Mahlstrom der Schaulustigen präsentieren. „Wer Interesse an meinen Arbeiten hat, findet schon zu mir. Ich habe nämlich keine beschützende Aura“, gesteht sie, „ich kann mich nicht abgrenzen. Wenn ich mit Menschen rede, bin ich voll da, aber auf diese Weise bin ich den Energien meiner Gesprächspartner auch vollständig ausgeliefert.“

Der amerikanische Architekt und Designer Michael Gabellini – er war schon für Armani und Jil Sander tätig – verwandelte die Remise in einen exklusiven Showroom, wie er allenfalls noch in New York oder London zu finden ist. Eine Symbiose aus Holz, Licht, Stein und Raum. Der Raum atmet sein Licht durch eine Glasfront zum Hof. Die extravaganten Holzmöbel stammen aus der Werkstatt des verstorbenen George Nakashima. Das Haus Nakashima entwirft seine Tische und Stühle nach der Form eines Baumes und berücksichtigt Jahresringe und Struktur gleichermaßen. Diese Unikate sind organische Fortpflanzungen ihres Urmaterials. Colleen B. Rosenblat mag das. Sie läßt sich ja selbst bei jeder neuen Kreation von dem Stein leiten, mit dem sie gerade arbeitet, sie liebt es, wenn dieser Stein über Adern und Einschlüsse verfügt, die eine Geschichte zu erzählen haben.

„Ich produziere keine Massenware“, sagt sie, „ich bin eine Person, die ihre Neigung verkauft.“ Mag ja sein, aber ist es nicht so, dass man mit dem Erfolg automatisch von den Gesetzen des Marktes vereinnahmt wird? „Das funktioniert bei mir nicht“, antwortet sie und schüttelt energisch den Kopf, „selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht mehr produzieren als ich es zur Zeit tue. Ich arbeite nämlich gerne mit großen Steinen, aber große Steine sind selten, ich unterliege also einer ganz natürlichen Beschränkung. Ich kann nicht auf die Messe gehen und im großen Stil einkaufen. Manchmal komme ich mit leeren Händen zurück und das ist überhaupt nicht toll. Aber ich kenne zum Glück einige Steinhändler, die genau wissen, was ich suche. Die fahren in die Ursprungsländer und denken an mich.“

"Nicht wir suchen die Steine aus, sie suchen uns aus ..."

Colleen B. Rosenblat stammt aus der Industriellenfamilie Quandt und wenn sie sagt, dass es ihr durchaus genügen würde, einen kleinen Laden in New York und einen anderen in Hamburg zu betreiben, so mag das in ihren Kreisen bescheiden klingen, aber Bescheidenheit ist relativ. Wer sich einen solchen Traum erfüllen kann, der weiß das. Vielleicht ist es dieses Wissen, was sie bescheiden macht. Ich führe ihre Bescheidenheit nicht auf ihre abgewetzten Jeans zurück oder auf ihr ungeschminktes Gesicht, das mag Attitüde sein. Es ist ihre Art zu sprechen, die Art, den Zuhörer glauben zu machen, dass sie sich mit jeder Antwort ganz und gar offenbart. Colleen B. Rosenblat hat ihren Kokon gegen die Außenwelt gesponnen, sie ist auf der sicheren Seite. Das tut gelegentlich sogar ihr gut, die ansonsten nicht an Sicherheiten glaubt.

„Jede Materie ist beseelt“, höre ich sie sagen, „es gibt Kunden, die wissen ganz genau, wann sie von einem Stein angesprochen werden. Nicht wir suchen die Steine aus, die Steine suchen uns aus.“ Die Magie der Steine. Esoterische Buchhandlungen füllen ganze Regale zu diesem Thema. Collen B. Rosenblat: „Steine haben eine irre Kraft. Das ist Natur pur.“ Ich erzähle ihr von einer Reise durch Arizona, wo ich in den Schluchten vor Sedona von der Energie der Berge und des Bodens fast erdrückt worden wäre. Sie nickt verständnisvoll, sie kennt das aus Australien. „Man muss vorsichtig sein, wenn man sich auf die Natur einlässt, da kann man sich schnell überschätzen. Am Ayers Rock in Australien war ich nicht mehr in der Realität, ich habe mich wie in einem Traum gefühlt.“

Eigentlich ist sie ein Waldmensch. „Ich befinde mich gerne unter Bäumen“, sagt sie. „Als Kind war ich ziemlich oft traurig - dann bin ich stundenlang im Wald herumgelaufen, es hat mich beruhigt, ich habe mich nie alleine gefühlt.“ Sie gehört zu den Menschen, die die Aura eines Baumes noch sehen, wenn dieser längst gefällt wurde. Aber Colleen B. Rosenblat wäre keine geeignete Kandidatin für die Grünen. Sie ist nicht interessiert an nachhaltiger Wirtschaft, sie ist um die Seelen besorgt, die sie in jedem verästelten Prachtstück vermutet. Ihr Lieblingsfilm ist „Harold and Maude“ und ihre Lieblingsszene ist die, wo Maude mit Harold in den Wald fährt, die Arme hochwirft, tief inhaliert und seufzst: „Èndlich sind wir unter lebendigen Wesen!“

Wir sollten über ihre Arbeit reden...

...und wir stellen fest, dass sich das märchenhafte Leben der Collen B. Rosenblat schon in jungen Jahren abzuzeichnen begann. Als Kind war ihr nichts lieber, als in der Schmuckschatulle ihrer Mutter herumzuwühlen. Ein Freund der Mutter schenkte ihr einen Kasten mit Mineralien. Sie fing an, Bücher über Steine zu lesen, sie war neun, als sie sich das erste Mal eingestehen musste, dass sie steinbesessen ist. Anschließend ging sie in den Wald und entdeckte einen Rauchquarz im Moos. Sie besitzt ihn heute noch.

So kitschig kann sich der Beginn einer großen Karriere anhören. Collen B. Rosenblat erzählt von einem Besuch bei Tiffanys in New York und davon, wie erschrocken sie auf die Arbeiten Paloma Picassos reagiert hat, die dort auslagen. „Das war ein richtiger Schock für mich. Ich dachte, ich sei die einzige, die große Ringe macht. Ich bin meinem Stil trotzdem treu geblieben, ich kann gar nichts anderes machen. Ein Maler kann sich auch nicht entscheiden, ob er so malt oder so, es steckt einfach in ihm.“

Ihre Arbeiten erkennt man sofort. Sie schaut mich an und lächelt verlegen: „Ich sehe mich nicht als kreative Person. Es ist egal, ob jemand ein gutes Essen kocht, seinen Pulli ordentlich in den Schrank legt, oder einen Ring macht – jeder ist, wie er ist. Ich rede nicht über Kreativität. Ich weiß nicht, wo sie herkommt oder was das ist. Wenn man zuviel denkt, geht die Leichtigkeit verloren.“

Bei weitem nicht alles ist käuflich, was sie fertigt. „Manche Sachen verkaufe ich einfach nicht. Dies Korallencollier zum Beispiel. Ich würde es nie tragen, es piekt am Hals. Aber diese Korallen gibt es bald nicht mehr. “ Kennt Sie E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderie“, in dem ein Goldschmied dermaßen in seine Werke verliebt ist, dass er sie nach den Verkäufen auf nächtlichen Streifzügen als Dieb zurückerobert? Collen B. Rosenblat schaut mich überrascht an: „Das ist von E.T.A. Hoffmann?“ Sie hatte von der Geschichte gehört. „Einmal habe ich einen Ring hergegeben, dessen Verkauf ich heute noch bereue“, gesteht sie. Die Mine, aus der der Stein stammte, ist inzwischen geschlossen, es gibt keinen Nachschub mehr. Aber ich versuche loszulassen, was soll ich auch mit den ganzen Dingern. Sammeln kann nämlich tragische Auswüchse annehmen.“

Dirk C. Fleck
9.4.09

 

 

Der Showroom
Gemeinsam mit dem US-Stararchitekten Michael Gabellini hat Colleen B. Rosenblat einen spektakulären Raum geschaffen. Mit extravaganten Möbeln von George Nakashima gelang eine perfekte Symbiose von Holz, Licht und Stein.

Weitere Informationen unter www.rosenblat.de

 


Atelierbesuch bei Ingeborg zu Schleswig-Holstein
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