Das China-Syndrom: Nutzt Hamburg seine große Chance?

Ein Geschenk Shanghais
Ein Geschenk Shanghais an seine Partnerstadt Hamburg: Das Teehaus hinter dem Völkerkundemuseum


g-m-h: Herr Hunke, seit wann beschäftigen Sie sich mit China?

Ich fing schon sehr früh an, Asiatika zu sammeln. Mit 25 Jahren habe ich meine erste große Asienreise gemacht. Die Philosophie des Buddhismus hat mich schon damals sehr angesprochen. Diese Religion wird in Asien so unterschiedlich ausgelegt und zelebriert wie das Christentum in den verschiedenen westlichen Ländern. Damals, während meiner ersten Reise, wurde der Buddhismus in China politisch noch sehr unterdrückt. Fünfzehn Jahre später war ich noch einmal in Peking, habe dort mit mehreren Journalisten zusammen eine Abhandlung über deutsch-chinesische Medizin verfasst. Zwischen der ersten und der zweiten Reise hatte sich alles vollkommen verändert.

g-m-h: Aber die Kommunistische Partei Chinas besteht ja immerhin noch?

Ich denke, das Land wird durch den Kommunismus verwaltet, doch durch den Kapitalismus beherrscht. Ich bin in diesem Frühjahr von Kanton nach Benhai gefahren. Auf dieser Strecke von nur etwa hundertvierzig Kilometern habe ich ungefähr 150 Fabriken gesehen, die einfach auf Vorrat gebaut wurden und bei Bedarf in Betrieb genommen werden. Ebenso ist es mit den Flughäfen. Ich habe eine Reihe noch leer stehender Flughäfen gesehen, die alle höchsten europäischen Standart besaßen. Mit der Eröffnung wartet man einfach, bis man sie benötigt. Rechnet man das auch auf andere Gebiete hoch, dann kann man sich vorstellen, dass sich unsere Wirtschaft demnächst sehr warm anziehen muß...

g-m-h: Wie sollte man dem chinesischen Phänomen im Westen begegnen? 

Wir Deutschen sind gut beraten, wenn wir uns auf unsere Tugenden wie Fleiß und Kreativität konzentrieren. An erster Stelle jedoch sollte die Kooperation mit den Chinesen stehen. Nur so ist ein Fundament zu legen, auf dem wir auch künftig profitieren können. Und da hat Hamburg die allergrößten Chancen! Aber: Wir brauchen ein Gesamtkonzept und dafür müssen die entsprechenden Prioritäten gesetzt werden. Hamburg ist ja eine der wirtschaftlich wichtigsten und interessantesten Metropolen in Europa - was der Stadt selbst vor einigen Jahren vielleicht noch nicht einmal bewusst war. Das lag sicher an der mittelmäßigen Politik der vergangenen 40 Jahre. Inzwischen haben wir das Gefühl, dass die Elbmetropole weltoffener und liberaler geworden ist. Die Stadt konzentriert sich nun mehr auf den Bürger, den Touristen und den Besucher. Doch leider müssen wir feststellen, dass sich im infrastrukturellen Bereich – nachdem die Olympiabewerbung negativ beschieden wurde – gewisse Defizite ergeben, was zu bedauern ist. In dieser Beziehung können wir noch eine Menge von unserer Partnerstadt Shanghai lernen.

g-m-h: Sie meinen, die Stadt sollte ihre Partnerschaft mit Shanghai konsequenter nutzen?

Allerdings. Shanghai ist mittlerweile eine der interessantesten Städte der Welt! Wenn ich mir dann ansehe, was vergleichsweise bei uns in Hamburg passiert… Ich weiß, es wird bereits eine Menge getan, ‚China Time’ beispielsweise und auch im Handelsbereich in der Verbindung von Industrie und Handelskammer, Hafen und so weiter. Trotzdem fehlt mir das ganz große Konzept, an dem man erkennen kann, dass es über die Städtepartnerschaft Shanghai einen Einstieg gibt in den großen Markt mit China. Denn dafür braucht man eine umfassendere Vision, die die Bereiche Kultur und Sport viel stärker mit einbezieht. Wir freuen uns ja alle darüber, dass 2010 auf der Weltausstellung in Shanghai ein Deutsches Haus gebaut wird. Auf der anderen Seite gibt es bei uns das Teehaus hier am Völkerkundemuseum, das wirklich unglaublich aussieht und in den nächsten Wochen eröffnet werden soll. Doch all das darf nicht, wie bei der Olympiade, nur ein Strohfeuer sein. Es muss eine große und klare Zielsetzung geben, die in der Lage ist, die ganze Stadt zu motivieren.  

g-m-h: Mit China im Herzen die Welt umfassen?

Ganz im Ernst: ich war ja wieder in China dieses Jahr. Insgesamt zweieinhalb Monate. Nicht nur in Shanghai, ich bin sehr viel herumgefahren im Land. Wenn man sich aufmerksam umschaut und sozusagen zwischen den Zeilen liest, dann erkennt man, dass dort etwas ganz Großes heran wächst. Es ist zu spüren, wie sich diese Kulturnation, die China im Laufe der Jahrtausende ja immer gewesen ist, anschickt, mit wirtschaftlicher Macht zurück zu schlagen. Das ist hoch spannend, und wir sollten uns allmählich fragen, was ist das eigentlich, was da entsteht? Ist das Kommunismus? Ist das Kapitalismus? Oder eine Kombination von beidem? Wichtig ist: das Chinesische Volk ist ein sehr stolzes Volk, ein sehr intelligentes Volk und es denkt sehr zielorientiert, davon macht man sich bei uns gar keinen Begriff…

g-m-h: Ihre Lebenspartnerin ist Chinesin?

Ja. Sie studiert Sport und Medizin, lebt seit etwa drei Jahren hier in Hamburg. Natürlich gewinne ich auch durch sie Einblick in die chinesische Denkweise. Sehen Sie, die wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten, die dieses große Land China allein durch seine Masse an Bevölkerung besitzt – das sind ungefähr 1,4 Milliarden Menschen - die schätzen wir vielleicht im Moment noch falsch ein.

g-m-h: Wir waren daran gewöhnt, zu denken, dass die kommunistischen Länder irgendwann wirtschaftlich scheitern würden…

Was in China passiert, hat sicher nichts mit unserer sozialen Marktwirtschaft zu tun. Das ist Kapitalismus pur. Die Menschen sind nach einer langen Durststrecke der Entbehrung daran interessiert, so schnell wie möglich aufzuholen. Ist doch verständlich. Dementsprechend groß ist das Interesse der Bevölkerung an Konsum und technischem Fortschritt. Über die dadurch verursachten Umweltschäden wird die internationale Gemeinschaft mit China zu reden haben.

g-m-h: Ist dieses Bedürfnis nach Konsum und Fortschritt vergleichbar mit den augenblicklichen russischen Verhältnissen?

Nein. Diese beiden Länder sind sehr unterschiedlich geprägt. Russland bezieht seine Stärke durch das unglaubliche Reservoir an Rohstoffen, das haben die Chinesen nicht. Darum muss China einen anderen Weg gehen. Ich kann mir vorstellen, dass man in zehn Jahren in der Lage ist, sowohl die bekannten Billigprodukte, als auch hochwertige Hightechprodukte herzustellen. Und genau darin liegt die Gefahr: dass Chinas Wirtschaft quasi über Nacht qualitativ aufrüstet.
In Deutschland hatten wir in den letzten Jahren einen enormen Boom, insbesondere durch den Maschinenbau, der vom chinesischen Markt außerordentlich profitiert hat. Die Chinesen verfügen noch nicht über die entsprechenden Rohstoffe und Geräte, um richtig angreifen zu können. Bisher findet die Technisierung nur an der Peripherie des Landes statt. Man schätzt, dass die Waren, die China heute weltweit exportiert, von gerade mal 300 Millionen Menschen produziert werden. Stellen Sie sich vor, das Land rüstetete nach europäischen Standards auf und würfe seine gesamte Manpower in die Waagschale... stellen Sie sich vor, dass auch die Landbevölkerung in diesen Technisierungsvorgang mit einbezogen wird... Das können die meisten von uns noch gar nicht ermessen, da muss man rechtzeitig reagieren.

g-m-h: Lässt sich denn überhaupt etwas gegen die China-Power tun?

Das Wichtigste ist, dass man diese Entwicklung nicht bekämpfen darf. Wir sind gar nicht in der Lage dazu. Stattdessen sollten wir kooperieren. Die Vorstellung, dass sich China und Indien eines Tages wirtschaftlich verbünden könnten, gehört zu den Horrorvisionen westlicher Ökonomen. Fünfzig Prozent des Marktes für Software und Hardware in der Computerbranche der ganzen Welt wären dann schon mal vergeben. Solange es aber diesen Zusammenhalt zwischen China und Indien noch nicht gibt, muss Europa versuchen, gute und feste Verbindungen zu China herzustellen. Wichtig dafür wäre, dass wir ein breites gesellschaftliches Verständnis für China entwickeln, wir müssen Freundschaft schließen mit den Chinesen.
Ich habe gesehen, wie auf der Insel Hainan dreißig 5-Sterne-Hotels nebeneinander in einem Zug gebaut wurden. Wer vermag zu beurteilen, welche Power und welche Kreativität aus einer derartigen Gesellschaft erwächst?

g-m-h: Wo haben die Chinesen plötzlich ihre Möglichkeiten her?

Sie meinen das Kapital? Durch Exportüberschüsse. Und die werden ermöglicht durch ein völlig anderes soziales System. Ein Großteil der Versorgung geschieht in China bis jetzt noch durch die Familien. Ein soziales System wie bei uns kennt man nicht, aber das wird natürlich eines Tages kommen, ähnlich wie in Japan. Die Ansprüche der Menschen werden wachsen. Und dann wird es auch immer mehr Demokratie geben. Am Ende wird die Demokratie über den Kapitalismus eingeführt. Ich denke, dass die Chinesen das sehr geschickt machen; mit der kommunistischen Grundidee bereiten sie dem Kapitalismus praktisch den Boden vor. Denn durch das eine kann das andere viel schneller umgesetzt werden. Das beste Beispiel: Ein Flughafen in China wird in der Zeit gebaut, in der man in Deutschland noch nicht mal zum Planfeststellungsverfahren kommt. Das heißt, es geht alles sehr, sehr schnell, ob man das nun begrüßt oder nicht. Um es nach westlichen Maßstäben zu betrachten: in einer Welt, die von Angebot und Nachfrage regiert wird und wo der Kapitalismus Einzug gehalten hat, ist Schnelligkeit und Umsetzung ein wichtiger Gesichtspunkt.

g-m-h: Und die ethischen Werte?

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass man über Demokratie und Menschenrechte nicht zu diskutieren hat, nur: man sollte den Chinesen dafür die gleiche Zeit geben, die andere Länder auch hatten. Das ist für mich ein ganz wichtiges, ehrliches Bekenntnis. Altkanzler Helmut Schmidt hat sich ja ausführlich zu diesem Thema geäußert, ich lese das sehr gern und empfinde, dass ich in Vielem und auch gerade in dieser Beziehung übereinstimme. In einem Punkt bin ich allerdings ganz anderer Ansicht - Helmut Schmidt vertritt stets die Meinung, ‚Wer Visionen hat, muss zum Arzt gehen’. Ich glaube, da liegt er verkehrt. Die Dynamik und die Kraft, die hinter der Entwicklung Chinas stehen, sind von unserer Kultur und unserer Wirtschaft vor zehn Jahren noch völlig falsch eingeschätzt worden. Die Vision China wird sehr schnell gewaltige Realität werden! Und es wird spannend sein, dies von Hamburg aus zu beobachten...

Das Interview führte Dagmar Seifert

 


Jürgen Hunke: "Wichtig ist, dass wir ein breites gesellschaftliches Verständnis für China entwickeln, wir müssen Freundschaft schließen mit den Chinesen."


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