Geheimnisse des Michels: Wo die Leichenkarren stehen...

- Imponierend: Die gigantische Krypta im Bauch des Michels
Den Michel kennt jedes Kind. In Hamburg jedenfalls. Schließlich ist die St. Michaeliskirche das Wahrzeichen der Hansestadt und gilt als die bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands. Sicher haben auch schon die meisten Hamburger (zumal mit Besuch „von auswärts“) einen Blick in das protestantisch karge Kirchenschiff geworfen und die 453 Stufen zur Aussichtsplattform des 132 hohen Westturms erklommen, um den phantastischen Rundblick über die Stadt zu genießen.
Wer aber kennt den Michel „von hinten“? Die verborgenen Gänge, Gräber und Gruften in den Eingeweiden des Gemäuers? Der Hausmeister, na klar. Aber nicht nur er. Seit ein paar Monaten dürfen alle Interessierte die „Geheimnisse des Michels“ erkunden. Jeden Tag, um 15 Uhr, bieten Mitarbeiter der afg Worknet GmbH („Netz für Arbeit“) Führungen in bisher unzugängliche Bereiche an. Und das kostenlos. Vom Blitz getroffen und abgebrannt
Bei schönem Wetter starten die Ein-Euro-Jobber die Tour beim Luther-Denkmal, gleich neben dem Hauptportal. Bei Regen trifft man sich am Info-Stand in der Eingangshalle. Hier nimmt uns auch Hans-Joachim Müller in Empfang, ein freundlicher Herr in den besten Jahren. Bevor er mit den kleinen und großen Besuchern in die Tiefe steigt, führt er erst einmal um das gewaltige Bauwerk herum und erzählt dabei, wie der mehrfach abgebrannte Kirchenbau Gestalt annahm. Da der erste, 1661 eingeweihte Michel im Jahr 1750 durch einen Blitzschlag bis auf die Grundmauern abbrannte, wurden der Baumeister Johann Leonard Prey und der damals noch unbekannte Ingenieur Ernst Georg Sonnin (1713-1794, links sein Denkmal) mit dem Neubau betraut. Wie so oft, wenn zwei das Sagen haben, gab es mächtig Streit, der Bau verzögerte sich, doch dann starb Prey und Sonnin konnte die Kirche allein beenden.
Bei ihrer Einweihung 1762 fehlte allerdings der Turm. Daraufhin hätten die Bremer (die Kieler wahrscheinlich auch) derart über die „armen Pfeffersäcke“ gespottet, dass der Kirchenvorstand beim Senat vorsprach. Mit Erfolg, wie man weiß: Sonnin, der 1763 übrigens an den Umbauten des Kieler Schlosses beteiligt war, entwarf daraufhin den Turm und übergab ihn 1786 der Öffentlichkeit.Der Turm stand 120 Jahre, bis sich am 3. Juli 1906, an dem Tag, als Kaiser Wilhelm II. Hamburg besuchte, eine Benzinlötllampe bei Wartungsarbeiten entzündete uncd einen alles vernichtenden Brand entzündete. Danach ersetzte man die Holzkonstruktion des Turmes und Dachstuhls durch eine Stahlkonstruktion. Die wurde im 2. Weltkrieg jedoch so stark beschädigt, dass man den Michel zu weiten Teilen ein viertes Mal aufbauen musste. 1952 stand er zwar wieder, aber ab den 70er Jahren begann eine unendliche Reparatur-Geschichte, die bis heute anhält.
Unter dem Altar liegt das Mittelalter
Mittlerweile hat die Gruppe wieder das Hauptportal erreicht und folgt Hans-Joachim Müller zu einer kleinen unscheinbaren Wendeltreppe, die links vom Entree in die Krypta führt. Obwohl die Gruft öffentlich zugänglich ist, steigt kaum einer der vielen Besucher diese Treppe hinab, dabei ist das riesige Gewölbe mit seinen wuchtigen Steinpfeilern eine echte Attraktion. Unversehens fühlt man sich ins Mittelalter versetzt - dazu tragen auch der hölzerne Leichenkarren und die eiserne Dokumentenkugel bei, in der man Sonnins Aufzeichnungen fand. Ebenso die uralten, 4,91 Meter langen Uhrzeiger (die Michel-Uhr ist die größte ihrer Art in Deutschland), die hier lagern. Unser Führer macht auf zwei mit Inschriften versehene Grabplatten aufmerksam, unter denen die Musiker Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Mattheson ruhen. Ernst Georg Sonnin liegt gleich nebenan:
Schlagartig wird klar, dass man über einen Friedhof spaziert, in dem einst mehr als 2000 Hamburger Honoratioren lagen. Unter dem Gewölbe befinden sich insgesamt 268 Grabkammern, jede vier Meter tief, sodass mehrere Särge übereinander passten. Bis zur Franzosenzeit (1806 -1814), in der Napoleons Truppen die Stadt besetzten und Beerdigungen innerhalb der Stadtmauern aus Angst vor der Pest verboten, gehörten Bestattungen in der Krypta zur Alltagskultur. Zudem war es eine lukrative Einnahmequelle. Mit dem Verkauf der Gräber wurde nach 1750 ein Teil des Kirchen-Wiederaufbaus finanziert.
Luftlöcher gegen den Leichengeruch
Joachim Müller schließt eine versteckte Tür auf. Nun betreten wir tatsächlich die Orte, zu denen sonst nur der Hausmeister Zugang hat. An Regalen, Stühlen, Notenständern und einem Gemälde von Bertha Keyser (1867-1964), genannt „Engel von St. Pauli“, geht es vorbei zu einer zweiten Tür und dann eine abenteuerliche Steintreppe hinab in einen spärlich beleuchteten Gang tief unter der Erde. Wer hier vergessen wird, hat kaum Chancen, je wieder herauszukommen, es sei denn, er kann Wände hochklettern. Müller deutet mit der Taschenlampe auf große, runde Löcher in der Mauer: Luftlöcher, um den Leichengeruch der einst hier zwischengelagerten Särge erträglich zu machen. Das erklärt auch, warum der übliche Muff von Kellergewölben fehlt. Sonnin hat den Gang rund um den Turm herum angelegt und während der Bombenangriffe fanden hier und in der Krypta Tausende von Menschen Zuflucht.
Zum Schluss steigen wir durch ein schmales Treppenhaus hinauf bis zur Nordempore, verschnaufen in einem Kirchensaal und genießen dann den Blick, den einst der Kaiser auf die Kanzel und die Steinmeyer-Orgel mit ihren 6665 Pfeifen gehabt hat. Fazit: Eine spannende Führung, die nur ein einziges Manko hat - sie ist viel zu wenig bekannt.
Isabelle Hofmann
26.2.09
„Geheimisse des Michels“, kostenlose Führung täglich 15 Uhr, Treffpunkt vor dem Luther-Denkmal neben dem Hauptportal des Hamburger Michels, Englische Planke 1a. Infos und Anmeldung unter 040-23 88 41 15. Ab Mai finden in der Krypta jeden Freitag, 20.15 Uhr, Konzerte statt. Der Vorverkauf startet am 9. März. Infos unter www.krypta-konzerte.de










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