Streit um die Schulreform: "Unser Gymnasium darf nicht sterben!" - Der Aufschrei des Bürgertums

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Wochen vor der letzten Bürgerschaftswahl vor über einem Jahr gab Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag ein Interview. Er wurde unter anderem zu der von den Grünen damals geforderten, von Anfang an heiß umstrittenen Schulreform befragt, die nunmehr von der regierenden Koalition aus CDU und GAL gesetzlich auf den Weg gebracht ist.

Alle Kinder werden demnächst in einer sogenannten Primarschule sechs Jahre lang gemeinsam lernen. Dann erfolgt der Übergang in eine "Stadtteilschule" - oder in ein dann allerdings zeitlich verkürztes Gymnasium. Das Abitur steht allen dafür geeigneten Kindern offen. In den Stadtteilschulen nach 13, auf dem gymnasialen Wege schon nach 12 Jahren. Die unerhört aktive, diskussionsfreudige, fachlich sattelfeste Schulsenatorin, von Beruf selbst Studienrätin, selbstverständlich auch mit klaren, politisch Grünen Vorstellungen, ist seitdem unterwegs von einer öffentlichen Diskussion zur nächsten. Das für bestimmte Teile Hamburgs typische, standesbewusste Bürgertum begehrt auf wie seit langem nicht.

In dem eingangs erwähnten Interview wurde der Senatschef präzise nach seiner Einstellung zum herkömmlichen Gymnasien gefragt. Er antwortete dazu wörtlich: "Eine Abschaffung des traditionellen Gymnasiums wird es mit mir nicht geben". Das hat er auch bei anderen Gelegenheiten wiederholt, und nun kann jeder darüber nachdenken, was solche Versprechen wert sind, auch aus dem Munde seriöser Politiker, sobald die eigene Partei aufgrund von Wahlergebnissen nicht mehr alleine regieren kann.

Der Umfall des Bürgermeisters bringt die Leute auf die "Palme"

Was die im allgemeinen nicht leicht aufzuregenden Hanseaten allerdings auf die sprichwörtliche "Palme" treibt, ist einfach der zum Thema atemberaubende Umfall des nach wie vor angesehenen, beliebten Bürgermeisters, personifiziertes Denkmal bürgerlicher Lebensart. Ole von Beust irritiert das wenig. Er ist zu lange im "politischen Geschäft". Kühle Antwort auf die Sorgen seiner eigenen Klientel: Für das herkömmliche, leider nicht sehr bewährte Schulsystem gäbe es keine Mehrheiten in der Stadt. Sorry.

Das erfordert von ihm auch keine Anstrengung. Er kann nach dem Ablauf dieser Legislaturperiode hocherhobenen Hauptes das Rathaus verlassen. Und zwar als der am längsten regierende Erste Bürgermeister des Stadtstaates überhaupt. Er hat - wenngleich zunächst mit den Stimmen des später offenbar durchgeknallten Richters "Gnadenlos" - die SPD nach 44 Jahren ununterbrochener Rathaus-Herrschaft auf die unwirtlichen Oppositionsbänke geschickt und der Stadt neues Selbstbewusstsein vermittelt; dieser liebenswürdige, nie ausfallende, angenehme Manieren praktizierende "Junge" aus gutem Hause, dem vorher nur wenige politische Führung zugetraut hatten, und den viele immer noch ganz ungeniert einfach "Ole" nennen. Gerade deshalb wird "Ole" für den vermeintlichen Verrat an vertrauten Traditionen jetzt persönlich in Anspruch genommen.

"Gymnasium" ist in Harvestehude, auf der Uhlenhorst, in Blankenese, Eppendorf und Winterhude nicht nur irgendeine Schulform. Hier geht es um gewachsene Ge- fühlslagen, das Selbstverständnis einer regelmäßig wohlhabenden, äußerst selbstbewussten Bürgerschicht, die sich in ihren tradierten Selbstbestimmungsrechten, ihren spezifischen Vorstellungen ruppig gestört und bevormundet fühlt. Zudem von Links-Alternativen, die man bisher eher als politisch exotische Außenseiter wahrnahm. Dass ausgerechnet deren Repräsentanten, oder Lehrer, die man von Ausnahmesituationen her kennt, über wesentliche Fragen schulischer Ausbildung der eigenen Kinder entscheiden sollen, schlägt sozusagen beim bürgerlichen Selbstverständnis dem Fass den Boden aus. Auch, wenn es sich nach allen Erfahrungen der Fachbehörde nicht bewährt hat, wenn die Eltern selbst entscheiden, ob ihre Kinder reif, begabt, intelligent genug sind für das Gymnasium. Deshalb sollen das in Zukunft Lehrkräfte über entsprechende Verfahren beurteilen und entscheiden. Genau das wollen viele Eltern einfach nicht hinnehmen. Sie verfügten bisher, dass und wo ihre Kinder die mitunter mühsame gymnasiale Ausbildung erhalten, was nicht selten auch in aufwändigen Internatsschulen des In- und Auslands irgendwie bewerkstelligt wird.

Sachlich ist zum Thema kaum etwas zu hören

Auch das ist Hintergrund für die ungewöhnliche "Demo" am letzten Wochenende, als etwa 5000 offensichtlich des Demonstrierens ungewohnte Engagierte auf die Straße gingen mit merkwürdigen Parolen, z.B., sie wollten keine "Versuchskaninchen" sein. Was ja auch für Firmenchefs, Anwälte, Chefärzte, Leitende aller Art eher ungewöhnlich wäre. Die eingeleitete Schulreform bleibt hoch emotionales Reizthema. Sachliches ist dazu selten zu vernehmen - es sei denn aus dem Munde der Befürworter. Diese halten nicht viel vom bestehenden System. Zu viele Schulabbrecher, schwache Ergebnisse, zu wenig Bemühen um lernschwache, um Kinder nicht deutscher Herkunft, zu frühes, ineffizientes "Aussortieren" vermeintlicher oder erhoffter Begabungen, vor allem - eher schulische Einbahnstraße. Schließlich wurden wichtige ausländische Erkenntnisse bisher zu wenig beachtet. Für einen reformatorischen Ansatz spricht also einiges. Das Gymnasium ist dabei wichtiger Baustein.

Weltanschauung wäre etwas anderes. Kluge Politik auch. Deutsche Eltern sind ja nicht nur genervt durch unbegreifliche, unzugängliche Reformen. Das Grundgesetz überließ in einem geographisch begrenzten Land die Schule den Bundesländern als verführerische Bastelstube in Kirchturmperspektive. Inzwischen stellt eine extrem mobile, hoch computerisierte Welt längst existenziell wichtigere, höhere Anforderungen für den globalen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Wettbewerb. Und selbstverständlich braucht das Land schon deshalb das leistungsfähigste Schulsystem überhaupt. Aber ganz sicher nicht ein Dutzend unterschiedliche. Dass der Gesetzgeber hierzu endlich Einsicht walten ließe im Interesse seiner verärgerten Bürger, ist unwahrscheinlich. Wohin auch mit den vielen Dutzend Ministern, Staatssekretären, Ministerialbeamten, vor allem der Kultusministerkonferenz? Der Steuerzahler hat das Theater schon lange satt. "Gymnasium" ist nur ein aktuelles Reizwort.

Klaus May
27.4.09


Guten-Morgen-Hamburg dankt dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag für die freundliche, kollegiale Nachdruckerlaubnis


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