Feine Lebensmittel zum Nulltarif

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Die Bewegungsmelder schlagen an. Schlagartig erhellt grelles Flutlicht die Laderampe hinter dem Lebensmittel-Discounter. Beinahe lautlos werden die Deckel der Müllcontainer aufgestoßen. Nackte Hände graben sich flink in die Tiefe und fördern Orangen, Tomaten und einen Broccoli zu Tage – alles in einwandfreiem Zustand.

Die Hände gehören zu Thomas*. Er lebt von dem, was die Supermärkte nach Ladenschluss wegwerfen. Thomas ist kein Einzelfall. Weltweit setzen Leute wie er mit dieser unkonventionellen Art der Lebensmittelbeschaffung ein bewusstes Zeichen gegen das Konsumverhalten und die Wegwerfmentalität der Gesellschaft. Sie nennen sich Freeganer, das was sie tun heißt „containern“.  Dieser Begriff verweist auf den Ort der Nahrungsbeschaffung,  der andere beschreibt den Ursprung: „free“ und „vegan“. Während Veganer auf den Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten verzichten, geschieht das Containern aus kapitalismuskritischen Motiven. Es ist eine Lebenseinstellung, die erstaunlicherweise immer mehr unter den Kindern gut betuchter Eltern um sich greift.

Sie containern im rechtsfreien Raum

Der 22-jährige Krankenpfleger-Azubi Thomas containert, seitdem er vor zwei Jahren aus einer westfälischen Kleinstadt nach Hamburg gezogen ist. Sein heutiger Mitbewohner hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geschmack gebracht. Er wohnt in einer WG, in der sämtliche Mitbewohner auf diese Art „einkaufen“. „Man weiß nie, was man bekommt, dass macht die Sache spannend“, sagt Thomas. Mehrmals in der Woche stattet er den Müllcontainern des nahe gelegenen Discounters einen Besuch ab – gemeinsam oder allein, aber immer erst, nachdem Kunden und Mitarbeiter das Areal verlassen haben.

Die rechtliche Situation ist nicht eindeutig. Ob es sich um einen Straftatbestand wie Diebstahl handelt, hängt davon ab, ob die Supermärkte den Besitz an dem Müll bereits abgetreten haben. Sind die Container frei zugänglich und ist das Betreten des Areals nicht durch entsprechende Hinweise untersagt, könne man davon ausgehen, dass die Märkte die weggeworfenen Lebensmittel nicht mehr haben wollen, erklärt uns Anwalt Michael Biela-Bätje.

Vor einigen Jahren vertrat der Kölner Rechtsanwalt eine Freeganerin, die „wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall“ vor Gericht stand. Die Frau hatte zuerst über einen Zaun klettern müssen, um an die Müllbehälter zu gelangen und sich so des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht. Das Verfahren wurde gegen Auflagen eingestellt. Thomas lässt sich von solchen Meldungen aber nicht vom Containern abbringen: "Schlimmer, als das Gesetz zu übertreten, ist es doch, genießbare Nahrungsmittel wegzuwerfen", argumentiert er.

Man weiß nie, was letztlich im "Einkaufskorb" landet

Obwohl der Wind über das leere Supermarkt-Gelände fegt und der Regen große Pfützen auf dem Asphalt bildet, zieht Thomas heute wieder los. Es ist Samstagabend. „Da ist immer besonders viel in den Tonnen“, sagt er und schnappt sich seine gelbe Plastikkiste, seinen „Einkaufskorb“, wie er sie nennt. Und tatsächlich: Die Müllcontainer sind bis zum Rand gefüllt. Doch Thomas kann seine Enttäuschung nicht verbergen. Der 22-Jährige hatte auf Grundnahrungsmittel gehofft, „auch Salat wäre cool gewesen.“ Stattdessen befördert er ein Orangennetz nach dem anderen zu Tage. „Wer freegan leben will, muss eben flexibel sein,“ meint er mit einem Anflug von Sarkasmus. Den Menüplan bestimmt eben die Tonne, nicht Thomas. „Vitamin C ist in dieser Jahreszeit ja auch nicht verkehrt.“ Mit jedem Netz wächst der Berg unversehrter Früchte. „Die Orangen werden weggeworfen, weil sie für den Käufer nicht mehr attraktiv genug sind," sagt er. "Vielleicht bekommen sie auch einfach zu schnell neue Ware.“ Einen Blumenkohl lässt er zurück in den Container fallen, „der ist oben schon ein bisschen verfault. Das ist mir zu kritisch.“ Er lacht: „Auch Freeganer haben Ansprüche.“

Eberhard Lotzing von der Hamburger Tafel kann sich nicht vorstellen, dass Freeganer wirklich viel in den Tonnen finden. Er sieht seine Einrichtung als übermächtigen Konkurrenten, „als David gegen Goliath.“ Tatsächlich kooperieren in Hamburg mehr als 200 Unternehmen mit der Tafel, monatlich werden bis zu 240 Tonnen Lebensmittel von Unternehmen und Privatleuten gespendet. Auch die Supermärkte berufen sich auf diese gemeinnützige Zusammenarbeit und erklären beinahe einstimmig, dass bei ihnen deswegen auch keine essbaren Nahrungsmittel im Müll landen.

Laut Angaben eines Discounter-Mitarbeiters, der aus Sorge um seinen Arbeitsplatz unerkannt bleiben will, unterhält sein Arbeitgeber keine Kooperationen mit gemeinnützigen Einrichtungen. „Aus Kostengründen“, wie er vermutet, „denn die da oben befürchten, dass die Angestellten sonst auch solche Sachen weggeben würden, die eigentlich noch verkauft werden könnten. Das rechnet sich dann nicht mehr.“ Und so landen noch essbare Lebensmittel nicht bei den Tafeln, wie behauptet wird, sondern im Müll. Und somit auf Thomas’ Teller.

Fee Anabelle Riebeling
22.4.09


*Name von der Redaktion geändert


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