Dossier: Sportstadt Hamburg
Nach dem endgültigen Absturz des Tennisturniers am Rothenbaum in die Drittklassigkeit braut sich auch auf dem Eventkalender anderer Sportarten etwas zusammen. Ist die Sportstadt Hamburg nur noch ein einziger Etikettenschwindel? Mit Mühe und Not hielt Hamburg in einer neuen Untersuchung des Weltwirtschafts-Instituts Rang drei hinter Berlin und München. Doch der Abstieg ist zu abzusehen: Denn ob es nach 2009 noch ein Profistraßenrennen geben wird – Fragezeichen. Das traditionsreiche Galopp-Derby steht auf der Kippe. Dem Hamburg-Marathon fehlt der Hauptsponsor. Die Beachvolleyballer ziehen nach 2009 sowieso weiter. Und das Tennisturnier am Rothenbaum windet sich im Überlebenskampf.
Ausgerechnet Rothenbaum…
Am Rothenbaum demütigte Michael Stich seinen nationalen Rivalen Boris Becker mit 6:1, 6:1. Am Rothenbaum stoppte Roger Federer mit 2:6, 6:2, 6:0 die Weltrekordserie von Rafael Nadal auf Sand. Tennis am Rothenbaum trug Hamburg als reizvolle Metropole per TV-Bilder um die ganze Welt. 100 Stunden und mehr, kostenlos. Und laut Weltwirtschafts-Institut spülte jede Turnierwoche zudem fast 20 Millionen Euro an Kaufkraft in die Stadt.
Tennis am Rothenbaum droht zur Provinzveranstaltung zu verkommen. Gerade ist per Gerichtsbeschluss in den USA die Drittklassigkeit bestätigt worden.
Doch der Niedergang des Rothenbaum ist nicht nur verschuldet worden von schusseligen Funktionären, die die Zukunft verschlafen haben. Der Rothenbaum ist umgebracht worden von kurzsichtigen Lokalpolitikern, von Tricksern und Täuschern. Schon in den 90er Jahren existierten Pläne, Tennis am Rothenbaum auf Grand-Salm-Niveau zu befördern. Sie wurden finanziellen Interessen geopfert, die der Stadt nicht dienten.
Nach dem Scheitern der Olympia-Bewerbung und dem Verzicht auf die Universiade, Olympia der Studenten, fordert der Deutsche Olympische Sportbund von Hamburg mittlerweile einen Master-Plan, um als Sportstadt wahrgenommen zu werden. Und Geschäftsführer Michael Vesper lockt: „Häufig kommt mittelfristig mehr Geld in die Stadt, als vorher ausgegeben wurde.“
In Hamburg betreiben 510 000 Menschen organisiert Sport, Hunderttausende lassen sich von Großveranstaltungen wie Triathlon, Marathon oder Cyclassics an die Straßen locken, 60 Millionen Euro werden jährlich als Eintrittsgelder für Sportveranstaltungen ausgegeben. „Sportveranstaltungen sind zu einem Wirtschaftsfaktor für die Städte geworden“, sagt der Hamburger Wirtschaftsprofessor Wolfgang Maennig.
Um sich die Beachtung weltweit zu sichern und die Geldströme zu erhalten, trat Bürgermeister Ole von Beust 2004 bei der „Hamburg Soirée“ mit dem Gedankenspiel an die Öffentlichkeit, das Tennisturnier vom Rothenbaum in einen Sportpark in Bahrenfeld zu verlegen. Seine Sportsenatorin Alexandra Dinges-Dierig assistierte: „Tennis am Rothembaum ist tot, nur im Volkspark hat Tennis eine Zukunft.“ Der Bürgermeister, flankiert von Boris Becker: „Wir haben die Chance, den Traum von Hamburg als Sportstadt von internationaler Bedeutung zu verwirklichen.“
Das hätte auch dem Boxpromoter Kohl gefallen: „Ich liebe meine Heimatstadt, muss die Weltmeisterschaften meiner Athleten aber meist in fremden Städten veranstalten.“ Für den Rothenbaum bekam er keine Genehmigung.
Was als Königs-Idee das Licht erblickte, wurde bald tot gerechnet. Und 2007 die Beerdigung mit dem Argument: Wirtschaftlich nicht darstellbar. Die Neubaukosten drohten angeblich den Erlös für das Grundstück an der Hallerstraße zu übersteigen. 25 Millionen Euro waren damals im Gespräch. Eine Vergleichszahl: Das Budget für die Ausrichtung der Schwimm-Weltmeisterschaft 2013 in Hamburg soll bei 43 Millionen Euro liegen.
So steht Tennis am Rothenbaum heute vor dem Kollaps. DTB-Schatzmeister Ulrich Kroeker nach den vergangenen verlustreichen Jahren: „Wir können uns keine weiteren Defizite mehr leisten. Sonst müssen wir die Veranstaltung verkaufen.“ Ein Interessent aus Osteuropa wedelt angeblich bereits mit einem Scheck über sechs Millionen Euro.
In der Finanzkrise kneifen die Sponsoren
Schon jetzt zieht der DTB wie ein Bettler durch die Lande, um eine Unterdeckung von rund einer Million Euro für 2009 ausgleichen zu können. Das wird nicht leicht, in der Zeit der Weltfinanzkrise sind potenzielle Geldgeber geizig geworden. Und da sportlich in die Drittklassigkeit abgekanzelt, kneifen auch die Sponsoren. Denn ihre Darstellungsmöglichkeiten sind am Rothenbaum ohnehin miserabel. Mercedes trat zuletzt in die Enge gezwängt eher wie ein Kleinwagenhersteller auf. Um das Stadion herrschte so drangvolle Enge, dass die Menschen Platzangst bekommen konnten.
Dabei existierte in Hamburg bereits ein Plan, der Tennis am Rothenbaum zu einer Spitzenveranstaltung in der Welt gemacht hätte. Und nicht nur der DTB hätte davon profitiert. Der Hamburger Sport-Verein hätte sein Herzstück behalten, die Anlage am Rothenbaum, die Universität mit dem Fachbereich Sportwissenschaft hätte ihre Platzprobleme gelöst, und die Kinder umliegenden Schulen hätten angemessene Sportmöglichkeiten erhalten. Das einmalige an dem Plan: Er einte alle Partien, die an einem aktiven Sportleben im Zentrum der Stadt interessiert waren - Hamburger Sport-Bund, HSV, DTB und Universität.
Die Königs-Idee: Eine Verknüpfung von Tennisgelände mit dem HSV-Platz und der Sportanlage der Universität, plus Erweiterung und Einbindung des Völkerkundemuseums - und damit die Möglichkeit einer gemeinsamen Nutzung des gesamten Areals. Die Hallerstraße sollte geschlossen, der Turmweg zu einer Fußgängerzone mit Wandel- und Marktplatz werden.
Der DTB hätte einen zweiten Center Court mit 5500 Plätzen erhalten, dazu weitere Tennisplätze. Dem HSV sollte der Fußballplatz, auf dem Uwe Seeler schon als Knabe kickte, erhalten bleiben, mit Kunstrasen belegt und damit extrem belastbar, auch für Uni und Schulen nutzbar sein. Die HSV-Klubgeschäftsstelle war als lichter Pavillon am Rothenbaum mit Galerie, Treffpunkt, Bistro und Piazza geplant. Dort wo das Herz des HSV ursprünglich schlug, hätte der Traditionsverein seine Heimstatt behalten können.
Vor der Johanneskirche sollte ein Spiel-, Markt- und Veranstaltungsplatz entstehen. Der neu zu gestaltende Unisportplatz (Tribüne mit 3000 Plätzen) hätte von den Sportstudenten, für HSV-Ligaspiele, Feldhockey, Leichtathletik und mehr. genutzt werden können.
Der „Sportpark Rotherbaum“ verdiente die Bezeichnung Masterplan, denn er verband als Freizeitanlage inmitten der Stadt Aufgaben und Anforderungen der Zukunft. Er scheiterte – und Hamburg läuft dem Etikett „Sportstadt“ weiter hinterher.
Dossier Teil II: Sportstadt Hamburg - Wie die Stadt den Rothenbaum aufgab
Umbau und Umgestaltung des riesigen Sportareals längs der Rothenbaumchaussee mobilisierte Anfang der 1990er Jahre die Hamburger wie selten ein Thema zuvor. Die entscheidende Frage war: Zeigt die Politik ein Herz für den Sport im Herzen Hamburgs? Akzeptiert sie den umfassenden Bedarf an Fläche und Modernisierung. Ist sie bereit, den Fortschritt zu wagen und gleichzeitig die Tradition zu wahren? Oder regiert die Abrissbirne? Guten-Morgen-Hamburg beschreibt in Teil II des Dossiers die öffentliche Diskussion.
Am 7. Februar 1991 berichtet das „Hamburger Abendblatt“ zum ersten Mal von einem Geheimplan der Baubehörde. Kernpunkt: Der HSV-Sportplatz, auf dem schon Uwe Seeler Balljunge für Vater Erwin spielte und später seine Bundesliga-Tore schoss, soll platt gemacht werden. Auf dem traditionsreichen Rasen sollen Wohnungen entstehen.
Das „Abendblatt“ schreibt von Empörung und Protesten. Sie sind massiv. Hartmut Perschau als Spitzenkandidat der damals oppositionellen CDU: „Als Bürgermeister würde ich den Plan in den Reißwolf geben. Den Wohnungsbau anzukurbeln, ist unvereinbar mit der Zerstörung der gewachsenen Stadtteilkultur.“
Dr. Friedel Gütt, Präsident des Hamburger Sportbundes, legt nach: „Hier soll die letzte innerstädtische Sportfläche vernichtet werden. Ich bin sehr bestürzt, dass der Senat seine Zusage gebrochen hat, den Sport-Bund vor weiteren Planungen anzuhören.“
Der damalige HSV-Präsident Jürgen Hunke entsetzt: „Die Stadt will uns das Herz herausreißen. Das ist ein Skandal, wie er schlimmer nicht geht.“
Es brodelt in der Stadt. Bausenator Eugen Wagner taucht weg. Er lässt seinen Sprecher Jürgen Asmussen die absurde Formulierung vortragen: „Die Bauvorhaben sind nicht gegen den HSV und den Sport gerichtet.“
13. Februar 1991: Bürgermeister Henning Voscherau versucht in einem Interview den Sturm abzumildern. Typisch Politiker, benutzt betont schwammige Formulierungen. Es gäbe noch „viele kollidierende Zielvorstellungen“, die „DTB-Aussagen seien noch etwas unscharf“, das HSV-Stadion habe „einen hohen Nostalgiewert für die Stadt“, und „die Interessen des HSV müssten berücksichtigt werden“. Ferner seien „Sport und Kultur bei mir gleich hoch angesiedelt“, und schließlich: „Den Plan, dort Wohnungen zu bauen, halte ich grundsätzlich für erwägenswert.“
Damit ist die Richtung vorgegeben.
18. Februar 1991: Die Vokabel „Sozialwohnungen“ wird im Kampf um das Gelände zur Streitaxt. Denn günstige Wohnungen in bester Lage, das verspricht breite Zustimmung. So perfide der Einsatz dieser Vokabel auch ist – wie sich später herausstellen wird. Claus Müller Eimsbütteler SPD-Fraktionsvorsitzender, postuliert: „Alle reden von Wohnungsnot, und am Rothenbaum wird ein großes Gelände nicht genutzt.“ Er plädiert für möglichst schnellen Baubeginn, das würde „eine harmonische Entwicklung des Stadtteils fördern“.
3. April 1991: Der Deutsche Tennis-Bund präsentiert einen eigenen Plan zur Erweiterung des Tennisanlage über die Hallerstraße hinweg bis zum Turmweg – ein Vorhaben, das der Baubehörde und Bürgermeister Voscherau bereits seit Sommer 1990 vorlag. Passiert sei aber nichts. Der DTB-Plan sieht ebenfalls den Abriss des HSV-Stadions vor. Auf dem Gelände soll u.a. ein Tennis- und Mehrzweckhalle für 9000 Besucher entstehen. Und dem HSV will man zugestehen, auf dem Gelände eine neue Geschäftstelle zu bauen. „Die Finanzen in Höhe von 200 Millionen Mark sind problemlos zu bekommen“, verspricht Tennisturnier-Direktor Heinz Brenner, Investoren stünden Schlange.
„Wenn wir auf unserem Niveau verharren“, prophezeit DTB-Geschäftsführer Sanders, „ist das Turnier irgendwann tot.“
6. April 1991: Die „Welt“ berichtet unter der Überschrift „Jetzt kontert Hunke“ über die neue Frontstellung zwischen Tennis und Fußball. Heinz Brenner behauptet: „Den HSV-Platz in einen akzeptablen Zustand herzurichten, kostet mindestens drei Millionen Mark. Die hat der HSV in dieser Zeit gewiss nicht.“ HSV-Präsident Hunke: „Es ist schlechter Stil, wenn man jetzt die Situation des HSV für seinen Vorteil ausnutzen will.“ Er kündigte an, ein umfassendes Baukonzept für die Anlage vorzulegen. Irritiert sei Hunke, schreibt die „Welt“, über die Information, das DTB-Konzept basiere auf Plänen des ehemaligen HSV-Präsidenten Dr. Wolfgang Klein.
12. April 1991: Bezirksamtsleiterin Dr. Ingrid Nümann-Seidwinkel erklärt anlässlich ihres zehnjährigen Dienstjubiläums zum Thema Sportgelände am Rothenbaum: „Leute, die wenig verdienen, sollen auch mal schön wohnen.“
23. Oktober 1991: „Bild“ berichtet, HSV, Sportbund, Universität und Tennis-Bund wollen am 4. November ein gemeinsames Konzept „Sportpark Rotherbaum“ vorlegen.
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4. November 1991: Die entscheidenden Interessengruppen des Hamburger Sport, HSV, HSB, Tennis und Universität (Sport), präsentieren Bürgermeister Voscherau ihr gemeinsam erarbeitetes Projekt „Sportpark Rotherbaum“ (siehe Pläne und Zeichnungen). Ein Königs-Plan, weil er die Wünsche aller Beteiligten vereint. Erstmals sind sonst stark auseinander strebende Interessen gebündelt worden.
Doch den Wünschen des Sports entgegen steht ein Senatsbeschluss von 1985: Der forciert eine Mischung aus Wohnungsbau und gewerblicher Nutzung. Und auch der Beschluss auf Bezirksebene von 1990, nämlich Geschäfte und Wohnungen zu bauen. Das „Hamburger Abendblatt“ befürchtet ahnungsvoll: „Womöglich werden sich auch die jüngsten Pläne bald wieder im politischen Geflecht zwischen Erstem Bürgermeister, Baubehörde, der neuen Stadtentwicklungsbehörde und dem Bezirksamt Eimsbüttel verheddern.“
4. Dezember 1991: Der Kerngebietsausschuss Eimsbüttel empfiehlt der Bezirksversammlung einstimmig, den Plan „Sportpark Rotherbaum“ abzulehnen. Die SPD möchte das gesamte Gelände mit Sozialwohnungen bebauen, die CDU dagegen befürwortet eine gewerbliche Nutzung mit einigen Wohnungen, die aber nicht der Sozialbindung unterliegen. HSB-Präsident Dr. Gütt verärgert: „Das Bezirksamt war von Beginn an gegen den Sportpark, auch, als es den Plan noch gar nicht kannte.“ HSV-Schatzmeister Manhard Gerber zürnt: „Die Stadt ging mit der Anlage um wie mit der Hafenstraße und Straßenbahn: erst verfallen lassen, dann abreißen.“ Der Deutsche Tennis-Bund droht, sein Turnier abzuziehen, wenn er keine Flächen für einen zusätzlichen Center Court erhält.
Uwe Sals, Eimsbüttels Sportreferent, dagegen amüsiert sich: „Das Konzept strotzt voller Plattitüden. Auf dem Rasenplatz soll Fußball und Hockey gespielt werden. Einen solchen Rasenplatz, auf dem das möglich ist, gibt es in ganz Europa nicht.“ Übrigens: Der Rasenplatz sollte mit Kunstrasenplatz belegt werden, der die Belastung durchaus vertragen hätte…
19. Februar 1992: „Bild“ titelt: „Boris Becker oder Sozialwohnungen.“ Stadtentwicklungs-Senatorin Traute Müller beruft einen Runden Tisch ein. Jan Jalass, SPD-Fraktionschef Eimsbüttel, gibt die Richtung vor: „Wenn ich zwischen Grand-Slam-Turnier und Wohnungen für Obdachlose wählen muss, entscheide ich mich für Wohnungen.“
Übrigens: Wer die später gebauten Luxus-Wohnungen kaufen oder mieten wollte, musste schon fast Millionär sein, Obdachlose haben dort kein Obdach gefunden…
9. März 1992: Senatorin Traute Müller gibt anlässlich des zweiten Runden Tisches bekannt, das der „Sportpark Rotherbaum“ gekippt ist, Oberbaudirektor Egbert Kossak stellt das neue Nutzungskonzept vor. Weder die Wünsche des DTB, des HSV, Völkerkundemuseum und der Universität sind berücksichtig. Das „Hamburger Abendblatt“ zitiert HSV-Präsident Jürgen Hunke: „Eine Ohrfeige für den HSV.“
Wolfgang Golz
Lesen Sie in Teil III des Dossiers:
Wie das Bauland wirklich verschachert wurde. Der Sport hatte nie eine Chance.
Es ist ein erstes Anzeichen des Erwachens zu spüren. Die oppositionelle SPD hat ein siebenseitiges Zukunftspapier vorgelegt, damit Hamburg als Sportstadt doch noch in die Hufe kommt. Nach den Vorstellungen der Genossen bleibt die Olympia-Bewerbung weiter ein wichtiges Ziel. Zuvor soll jedoch versucht werden, die Olympischen Jugendspiele (14- bis 18-Jährige) bzw. die Gymnaestrada nach Hamburg zu holen, mit 20 000 Teilnehmern die weltgrößte Veranstaltung des Breitensports.
Für Jugend-Olympia werden Kosten in Höhe von 75 Millionen (in Worten fünfundsiebzig Millionen Euro) veranschlagt, für die Gymnaestrada 40 Millionen. Wer die Entwicklung der Kosten für die Elbphilharmonie im Hinterkopf hat, ahnt: Das wird nicht reichen. Und wie zum Beweis dieser These, trifft die „Sportstadt“ Hamburg gleich eine neue Hiobsnachricht: Der Judo-Weltcup in Hamburg droht am Geld zu scheitern. Wegen neuer Forderungen des Weltverbandes explodieren die Kosten von 400 000 auf rund 670 000 Euro. Angesichts der anderen im Raum schwirrenden Summen darf man zwar beinahe von Peanuts sprechen, doch Turnierorganisator Rainer Ganschow empört sich zu recht: „Eine Frechheit“.
Doch was steckt dahinter? Natürlich wissen die internationalen Verbände, dass sich Hamburg ernsthaft bis krampfhaft um Großveranstaltungen bemüht. Das aber macht Hamburg auch erpressbar. Und so versuchen sie es. Zunächst trieb die Organisation der Studenten-Weltmeisterschaften die Forderungen in die Höhe, Hamburg sagte nein. Nun probieren es die Judokas…
Falsche Weichenstellung in die Zukunft
Hätte Hamburg in der 90er Jahren mit dem „Sportpark Rotherbaum“ den großen Wurf für den Sport gewagt, müsste die Stadt heute nicht um Großveranstaltungen betteln. Das ist nur eine Theorie, doch niemand wird den Gegenbeweis erbringen können. Mit anderen Worten: Die Fehlentscheidung von damals bedingt die negativen Auswirkungen von heute.
Von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt hat zeitgleich der Deutsche Tennis-Bund (DTB) sein Erbbaurecht für die Fläche von 29000 Quadratmetern am Rothenbaum an den Club an der Alster verkauft. Die Stadt muss dem noch zustimmen.
Die Aktion offenbart die Zwangslage des DTB: Er braucht das Geld, um liquide zu bleiben. 1988 hatte der Verband das Erbbaurecht über 60 Jahre für 1,7 Millionen Euro von der Stadt erworben. Heute gibt er es für 1,15 Millionen her. In der Not schrumpfen die Werte. Und sollte das Tennisturnier in Hamburg endgültig begraben werden, stünde in bester Innenstadtlage eine schauerliche Stadionruine.
Die Gründe liegen, wie angedeutet, weit zurück. Weil zu Beginn der 90er Jahre die Weichen in Richtung Sackgasse gestellt worden waren. Wie heute beim DTB, ging es damals um einen Erbbauvertrag. Um einen solchen bemühte sich der HSV-Präsident Jürgen Hunke für das Gelände des traditionsreichen Stadions am Rothenbaum. Denn bis dahin existierte lediglich ein normaler Pachtvertrag. Der aber machte langfristige Planungen unmöglich. Hunke: „Das hat mich nachdenklich gemacht.“
Er startete Anfragen bei der Sportbehörde und der Liegenschaft. Doch er wurde immer nur vertröstet. Hunke organisierte eine Unterschriftenaktion, mobilisierte 30 000 Hamburger zu unterschreiben – erfolglos.
Bis heute gibt es keine Antwort darauf, warum dem HSV ein langfristiger Vertrag verweigert wurde. Bis heute ist nicht geklärt, wer überhaupt zuständig war. Gab es schon zum Zeitpunkt der Anfrage anderweitige Zusagen? Angesichts der heutigen Bebauung des Geländes erscheint es als reiner Zynismus, die große Lösung des Sports mit dem Hinweis auf die Errichtung von Sozialwohnungen zu verweigern. Hunke: „Das zeigt, mit welcher Arroganz man mit dem Hamburger Sport, den DTB und dem HSV umgegangen ist. Es wurde nie geklärt, wer der eigentliche Nutznießer der massiven Bebauung ist. Die geplante Anzahl der Sozialwohnungen ist jedenfalls nie gebaut worden.“
Der Königsplan wurde arrogant abgekanzelt
Und bis heute ist nicht geklärt, wie auf ausgewiesenen Grünflächen Büro- und Wohngebäude entstehen durften. Am Rothenbaum schrieb Deutschlands Fußballidol Uwe Seeler Geschichte (siehe Foto). Verwirklicht wurde die Bebauung des Areals übrigens von der Firma „Hanseatica“, die seinerzeit der Familie Jahr gehörte.
Um den massiven Druck von DTB, HSV, Hamburger Sportbund, der Schulen und des Völkerkundemuseums abzufedern, griff die Stadt damals zu einem alten Politiker-Trick: Wenn du nicht mehr weiter weiß, gründe einen Arbeitskreis.
Das geschah in abgewandelter Form: Die Interessenten sollten einen gemeinsamen Plan erarbeiten, der die Wünsche aller bündelt. Schon damals spürten die Beteiligten die Hoffnung der Politik, dass sich die Sportler nicht einigen, sondern zerstreiten. Doch im Gegenteil rangen sich DTB, HSV, DTB und die anderen Beteiligten zu einem Masterplan durch, der Hamburgs Probleme von heute verhindert hätte. 250 000 Mark investierten HSV und DTB in die Planung durch anerkannte Hamburger Architekten. Der Senat signalisierte zunächst auch wohlwollendes Interesse. Und doch wurde der Königsplan wider besseres Wissen abgekanzelt.
Zu den ersten Opfern der Ablehnung gehörte das Damenturnier des DTB. Weil sich die Sponsoren nicht – wie im Umbauplan optimal vorgesehen – würdig präsentieren konnten, sprangen sie ab, und dem DTB fehlten die benötigten Einnahmen. Das Turnier wurde nach Berlin verkauft. Weltweite Werbung für Hamburg durch weltweite TV-Übertragungen perdu.
Die HSV-Wünsche sahen eine Geschäftstelle vor, eine Begegnungsstätte für die Fans mit Plaza und Museum. Die alten Tribünen des Stadions sollten unter Denkmalschutz gestellt werden. So hätte das Herz des HSV weiter im Herzen der Stadt schlagen können. Doch die Zeugen erinnernswerter Vergangenheit wurden abgerissen und zugepflastert.
Jürgen Hunke: „Das gehört zu den unappetitlichsten Vorgängen in dieser Stadt. Das ist das Ergebnis von mangelnder Transparenz und Begünstigung, unter der am Ende der Hamburger Sport und die Bürger leiden mussten. Heute mehr denn je. Wir müssen aufmerksam bleiben und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“
Übrigens: Bis heute liegen keine konkreten Angaben oder belastbare Zahlen dafür vor, warum der jüngst von Bürgermeister Ole von Beust so engagiert propagierte Umzugsplan des Tenniszentrums vom Rothenbaum in den Volkspark nicht machbar sein soll.
Wolfgang Golz
Die ersten beiden Folgen unseres Dossiers "Sportstadt Hamburg" lesen Sie auf der Startseite in der Promenade
Fotos: Metelmann (2), Abi Schmidt (1)
Kommentar von Jürgen Hunke
DIE ROTHENBAUM-AFFÄRE - Verlierer sind die Bürger und der Sport
Die Fehlerhaftigkeit und Tragweite von Beschlüssen lässt sich oft erst nach Jahren erkennen. Heute steht fest: dass Hamburg eines der größten Turniere im Welttennis verloren hat, ist nicht etwa ein Versagen der Sportgewaltigen, sondern einer falschen Stadtplanung geschuldet.
Vor ca. zehn Jahren stand ich mit einer roten Mütze auf der Ladefläche eines LKWs an der Rothenbaumchaussee/ Ecke Turmweg und habe von dort in einer öffentlichen Rede vor den in jeder Beziehung falschen Beschlüssen der Politik gewarnt. Geplant war, den traditionsreichen Rothenbaum-Platz zu bebauen. Dieser Flächenfraß war ein Angriff auf die Freizeitverhalten der Bürger, der Universität, der Schulen, des Deutschen Tennisverbandes, des HSV und des Hamburger Sports insgesamt. Anstatt die Pläne für einen Sportpark Rotherbaum zu verwirklichen, wollte man an dieser Stelle Sozialwohnungen bauen, was eine unverschämte Lüge war, wie wir inzwischen wissen. Wir können uns ja täglich davon überzeugen, was aus diesem Versprechen geworden und was dann wirklich entstanden ist.
Die Geschichte ist deswegen aktuell, weil durch die fehlenden Flächen die notwendigen Sponsoren des Tennisturniers am Rothenbaum keine Möglichkeit hatten, die Kunden adäquat zu betreuen und aus diesem Grunde das Interesse an dem Standort Hamburg verloren haben.
Wie kleingeistig diese vom Klüngel beseelte Entscheidung seinerzeit war, wird heute mehr als offenbar. Durch die damalige Fehlentscheidung sind nicht nur die Wirtschaftsförderung und der Tourismus betroffen – Hamburg verzichtet auch freiwillig auf hunderte Stunden kostenloser Fernsehwerbung, die den Namen und die Schönheit der Stadt weltweit bekannt gemacht haben. Durch das Tennisturnier wurden Menschen in Australien, in den USA, in der ganzen Welt angelockt, Hamburg zu besuchen.
Was können wir daraus lernen? Wir brauchen viel mehr Transparenz bei allen Beschlüssen, die diese Stadt verändern. Das gilt für die Bebauung der Alster, für die Hafencity und für alle Plätze, die der Öffentlichkeit gehören.
Transparenz ist für eine moderne Gesellschaft und ihre Entwicklung unabdingbar. Ich hoffe, wir lernen daraus.
Ihr Jürgen Hunke












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