„Schweinkram“ - Fiete Frahms erotische Fantasien
Hamburger Originale sterben aus. Eines, das noch lebt und bis heute aktiv ist, heißt Fiete Frahm. Fietes gesellschaftskritische Erotik-Kunst hat ihn über die Grenzen der Hansestadt bekannt gemacht. Hier ein Bericht über eine Zeit, als Frahm sein erstes Museum in der Lesser Passage unterhielt.
Fiete Frahm ist ein bitterböser Porträtist. „Das Leben“, meint er, „birgt überall üppige Lust.“ Genau dies zeigen seine erotischen Collagen. Da flüstern halb geöffnete Lippen „Komm zu mir!“ Laszive Blicke unter falschen Wimpern versprechen willenlose Hingabe. Männliche Münder wollen Brustwarzen saugen. Spitzen-Dessous verheißen aufregende Diskretion, rasierte Schamdreiecke saubere Liebe. Frauenbeine in grellen Pumps präsentieren sich gespreizt. Geschwollene Schwänze recken sich nach weiblichen Köstlichkeiten. Doch halt. Stopp. Keine Abbildung, in der der Akt vollzogen, das Verlangen befriedigt wird. Männer bleiben angezogen: im teuren Geschäftsabzug oder praktischen Overall. Sie stehen da mit ihrer Lust – in freudiger Erwartung. Umsonst. Der Liebestrieb gefriert in den Gliedern, schrumpft unweigerlich zum Frust.
Ein wenig verdorben, doch voller Charme
In seinem späten Jahren hat der Hamburger Künstler und Autodidakt nur eines im Kopf: Das zu thematisieren, worüber man eigentlich nicht spricht. Das Leben so zu zeigen, wie es wirklich ist. „Auch wenn’s keiner sehen will“, fügt Frahm trotzig hinzu. Schon seit Jahrzehnten sammelt der Frauenliebhaber, eine Mischung aus Johannes Heesters und Hans Albers, Obzönes und Skurriles. Ausgeschnitten und zu pseudo-erotischen Ensembles zusammen geklebt, so schafft Frahm schlüpfrige Collagen im Lackbilder-Look. Irgendwie ein wenig verdorben, doch voller Scham. Sie sind wie Fiete Frahm: aus einer anderen Zeit.
Eigentlich wollte er nur etwas Aufrichtiges schaffen. Etwas, das zu seinen Lebensträumen passt: flüchtig, ekstatisch und doch immer da. So, wie die Hamburger Huren auf Sankt Pauli. Oder so, wie er sich den Kiez vorstellt. Denn gelebt hat Fiete Frahm dort nie. Aufgewachsen ist er im Norden Hamburgs. Früh übernahm er die väterliche Firma, stellte nach dem Krieg Türen zum Schutz gegen jedwede Feuersbrunst her, heiratete bald. Seine Frau, eine Beamten-Tochter, heilt es nicht lange aus mit dem Fabrikanten Frahm, nahm die Kinder und ging. Und er überschrieb der flüchtigen Gattin das eiserne Geschäft. Seiner zweiten Liebe gab er die Sporen, man importierte Reiterbedarf aus der ganzen Welt, reiste in aller Herren Länder und ließ die Dame des Herzens oft allein. Sie war einsam, lachte sich einen anderen an. Frahm angelte sich eine Kapitäns-Witwe. Begab sich erneut in den Hafen der Ehe und teilte bis zu seinem Tod das Haus des verblichenen Seefahrers aus Blankenese. Frahms Heimat wurde die Lesser Passage. Hier, versteckt in einer der kleinsten Straßen Altonas, hat er sich sein Atelier, sein ‚Liebesnest’, eingerichtet. In aller Stille, ganz für sich allein. „So’n Schweinkram“, sagte die Kapitäns-Witwe nur, als sie ihren zweiten Mann dort zum ersten Mal aufsuchte. Mit ‚So’n Schweinkram’ hat er auch eine seiner Collagen betitelt. Als Motto für seine Arbeit sozusagen – und ihr zu Ehren.
Widersprüchlich, wie sein zerrissenes Herz
Frau Frahm hat den Gatten nie wieder besucht, dort auf dem Dachboden in der Lesser Passage. Auf dem Treppenabsatz vor dem Speicher verwandelt sich das bürgerliche Treppenhaus in eine mit einer nackten Birne beleuchtete Stiege. „Die rote Lampe habe ich dort nur vorübergehend installiert. Ich hatte keine weiße mehr“, erklärt Frahm das schwüle Licht vor der schweren Eisentür zu seinem Erotik-Palast. Im Flur der Ausstellungsräume ist es bitterkalt. Die geweißelten Wände unter verwittertem Dachgebälk sind überladen mit großen und kleinen, einfach gerahmten Collagen, die sich mit Erotik in unserer Gesellschaft auseinander setzen. Vier weitere Kunstgemächer folgen.
Der Schöpfer erklärt geduldig, was jedes Exponat darstellen soll: „Das hier zeigt die AIDS-Gefahr!“. Frahm deutet auf eine aufgezogene Spritze, die brutal in einen erigierten Penis sticht. Überall Blut. In kleinen Rinnsalen schlängelt es sich an der Männlichkeit herunter. Im Hintergrund ein Spiegel, der das Gesicht des Betrachters in die AIDS-Vision integriert. „Das ist die Herbertstraße“. Eine rote Laterne, Fotos von halb entkleideten Mädchen sind auf der Tür montiert. Durch ein voyeuristisch geöffnetes Fenster ist hinter der Tür eine geblümte Couch zu sehen. „Meine Lümmelwiese“, lacht der Künstler-Galerist. Den bunten Stoff hat er sich selbst ausgesucht; seine Frau hat ihm daraus Kissen genäht. An den Seiten des selbst entworfenen Sofas und des gläsernen Nierentisches öffnen sich pickelige Bullaugen. Weinflaschen und Schnapsbuddeln aus aller Welt luken aus den Öffnungen. Hinter dem Kamin hat Frahm ein kleines Radio verborgen. Heiße Hip-hop-Rhythmen zerfetzen das verstaubte Giggolo-Ambiente. Alles, was er schafft, ist wo widersprüchlich wie sein zerrissenes Herz.
Warum nur diese Erotik-Bessenheit? Frahm selbst kann und will es nicht erklären.. Verlegen zieht der alte Mann seinen Helmut-Schmidt-Mütze ins Gesicht und kaut auf einem Bonbon, Marke „Werther’s Echte“. Er deutet auf sein Gästebuch. „Sie schreiben alle, ich soll weitermachen“. Man spürt, die Leute wissen nicht, was sie von den Werken halten sollen. Hinter Attributen wie „ungewöhnlich“, „erstaunlich“ oder „bemerkenswert“ verbergen sie ihre Sprachlosigkeit. Meist sind es Frauen, die sich für seine Werke interessieren. „Erst neulich war eine Damengruppe hier“, erzählt der Künstler. Auf einem Betriebsausflug haben die beherzten Hamburgerinnen das erotische Curiosen-Cabinett besucht. „Sie haben sich richtig Zeit genommen und alles genau angesehen“. Nur eines hat sie bedrückt: Es gibt kein WC. Das will Frahm jetzt einbauen. Der kleinste Ausstellungsraum Hamburgs mit Schiffstoilette präsentiert dann ‚Kunst im Klo’.
Christiane Visbeck
28.4.09
Fotos: D. Esther Anita Crapelle
Seit 2005 befindet sich das Lebenswerk von Friedrich „Fiete“ Frahm (90) nicht mehr in der Lesser Passage, sondern im Kellerlabyrinth des seit 2007 geschlossenen Erotic Art Museums auf St. Pauli. Das Fiete Frahm’s Erotic Art Museum in der Bernhard-Nocht-Straße 65 zeigt über 1.000 Collagen des Hamburger Künstlers. Führungen nach Absprache möglich.
Bekannt wurde Frahm durch seine Tür-Collagen für Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, Rudolf Augstein und Henri Nannen. In dem Kellerlabyrinth sind unterschiedliche Zimmer verschiedenen Themen gewidmet wie Sünde und Papst, Telefonsex oder über Persönlichkeiten des Kiez-Milieus.
Fiete Frahm’s Erotic Art Museum
Hamburg / St. Pauli
Bernhard-Nocht-Straße 65
Weitere Informationen unter www.erotik-frahm-hamburg.de











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