Feuer frei fürs Kirschblütenfest

- Guido Wolff-Rohr spielt gerne mit dem Feuer.
Nächste Gelegenheit: das 42. Kirschblütenfest
Der Mann am Auslöser wird etwas aufgeregt sein. Zu siebt haben sie den Sprengstoff mit drei Lieferwagen am Morgen gebracht. Den ganzen Tag lang haben sie ihn in Mörser gestopft, die auf zwei 25 Meter langen Pontons verschraubt sind. Er wird noch einmal den Wind prüfen – unter acht Meter pro Sekunde, das entspricht etwa Windstärke fünf, ist alles okay. Er wird vielleicht noch einmal vorsichtig zur Wasserschutzpolizei schauen. Die ist mindestens 200 Meter weit weg vom Geschehen, wie alle anderen Menschen auch. Gut so. Dann wird er den Knopf drücken. Und beten, dass alles klappt.
Das Funksignal, das der 28 Jahre alte Guido Wolff-Rohr auslöst, wird möglicherweise zuerst eine 200-Millimeter-Bombe aktivieren. Ein elektrischer Impuls entzündet eine Treibladung voller Schwarzpulver. Das brenzlige Geschoss wird in den Himmel getragen, unterstützt von einem Vorbrenner. Der sorgt dafür, dass die Zerlegeladung erst dann explodiert, wenn die Bombe ihre maximale Steighöhe erreicht hat. Geformte Chemie wird im Nachthimmel er- und verglühen, möglicherweise gefolgt von einem goldenen Vorhang, genannt Kamuro-Effekt, der über die Außenalster regnet. Hinterher schickt er lächelnde silberne Smileys oder tanzende rote Herzen. Vielleicht beginnt er aber auch mit seinem »Regenbogen«: Auf einer Seite werden zuerst römische Lichter geschossen, das heißt: Eine Farbe nach der anderen kommt hinzu. Nach einer Minute stehen zehn Farben am Himmel, für den prächtigen Abschlussfächer sorgen Feuertöpfe ...
Guido Wolff-Rohr wäre ein schlechter Chef-Pyrotechniker, würde er vorher verraten, wie sein nächstes Werk aussehen wird. Sicher ist: Die Hamburger werden mit vielkehligen »Ooooohs« und »Aaaaaahs« am Rande der Außen- und Binnenalster stehen und staunen. Der Sponsor des Feuerwerks zum Kirschblütenfest, die japanische Gemeinde in Hamburg, vertraut das Spektakel dem jungen Mann mit dem heißen Job bereits zum vierten Mal hintereinander an. Wolff-Rohr ist Schwiegersohn des Chefs von Rohr-Feuerwerke, Uwe Rohr, und der sorgt bereits seit 20 Jahren fürs Lichtermeer überm Binnensee. »Und wir garantieren: Kein Feuerwerk gleicht dem anderen – das ist Berufsehre«, fügt Wolff-Rohr hinzu. Wie das kreative Werk von Wolff-Rohr und seinem Team letztlich aussehen wird, weiß noch nicht einmal der Auftraggeber. Der spendiert ein bestimmtes Budget und gibt die Dauer von einer halben Stunde vor. »Wir entwerfen dann eine Choreografie und eine Dramaturgie, als würden wir mit Feuerwerk ein Musikstück begleiten«, erklärt der junge Pyrotechniker. Wolff-Rohr gilt dabei als Freund melodiöser, ruhigerer Stücke. Weswegen er von den Kollegen in der Branche »Balladen-König« genannt wird.
Japaner genießen ein Feuerwerk anders als wir
Natürlich kommt es am 22. Mai aber nicht nur auf seine eigenen Vorlieben an. »Wir müssen uns auch auf die japanische Art einstellen, ein Feuerwerk zu genießen, was sich von unseren Gewohnheiten gewaltig unterscheidet. Ein Japaner hat nichts davon, wenn alles Schlag auf Schlag geht und möglichst viel am Himmel gleichzeitig los ist. Er genießt jeden einzelnen Effekt, bis die ganze Pracht zu Boden gesunken ist. Und hofft dann auf eine neue Überraschung«. Damit das klappt, muss der Pyrotechniker genau wissen, welcher Hersteller welche Qualität liefert und welche Effekte koordinierbar sind. »Chinesische 100-Millimeter-Bomben zum Beispiel sind günstig, aber qualitativ nicht so gut, die Leuchtpunkte am Himmel bleiben nur kurz stehen. Die aus Taiwan und Italien sind teurer, glühen dafür aber auch länger.« Raketen sind nur sehr selten im Repertoire von Wolff-Rohr, weil ihre Reste auf Zuschauer fallen können. »Wir benutzen hauptsächlich Kugel- und Zylinderbomben«, verrät er. Die gibt es von etwa 40 bis (in Deutschland nicht erlaubten) 600 Millimeter Durchmesser, und für sie gilt: »ein Millimeter Durchmesser gleich ein Meter Sicherheitsabstand.« Deshalb wird in Hamburg keine Bombe größer als 200 Millimeter sein. Das reicht auch: Diese Größe gehört bereits in die Klasse der gefährlichsten pyrotechnischen Unterhaltungs-Accessoires.
Übrigens: Wer Guido Wolff-Rohrs Kreationen über der Alster oder eines seiner 200 anderen diesjährigen Feuerwerke verpasst, hat am letzten Tag des Jahres noch eine Chance: Da ist er verantwortlich für das Silvester-Feuerwerk am Brandenburger Tor ...
Roland Löwisch
Foto: Martin Meiners
Wir danken der Zeitschrift „Der Hamburger“ für die freundliche Abdruckerlaubnis
So kam das Kirschblütenfest nach Hamburg
Wenn im März in Japan die Blüten der Zierkirschen ihre Pracht entfalten, geraten die sonst so zurückhaltenden Asiaten aus dem Häuschen. Besonders die Metamorphose von Grau zu Rosa im sonst so tristen Tokio feiern die Großstädter zwei Wochen lang mit Sake-Partys unter den Bäumen. Das Spektakel hat einen Namen: „Hanami“, was wörtlich „Blüten betrachten“ heißt. Am Wochenende steigen die Feten bereits morgens. Wer nicht genug bekommen kann von der Blütenpracht, rennt in einem der vielen Hanami-Läufe mit – angefangen im Süden des Landes, wo sich die Blüten zuerst öffnen.
Ende der 60-er Jahre erreichte das Kirschblütenfest dann die Alster. Damals schenkte die japanische Gemeinde den Hamburgern als Dankeschön für die Gastfreundschaft Kirschbäume, die im Alsterpark, an der Alsterkrugchaussee und am Altonaer Balkon angepflanzt wurden. Seit 1968 wird das Kirschblütenfest in der Hansestadt, in der heute etwa 18 000 Japaner leben, mit einem Feuerwerk – auf japanisch „Hana-bi“ – gefeiert.










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