"Hamburg duldet keinen Hochhausbrei"

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Das Hamburger Rathaus: Ein Symbol von Selbstbewußtsein und Bürgerstolz

Henning Voscherau war nicht lange im Amt, da sauste ein kupfernes Schwert am Fenster des bürgermeisterlichen Arbeitszimmers vorbei und schlug auf dem Granit des Rathausmarkts auf. Es war das Schwert Friedrich Barbarossas oder Karls des Großen, denn ganz oben zieren die deutschen Kaiser die Rathausfassade. »Im Sturm«, erinnert sich Voscherau, »wurde einem der Kaiser sein Schwert abgerissen. Reiner Zufall, dass es unten niemanden aufgespießt hat.« Er schaut mich mit der für ihn so typischen Mischung aus Spitzbübigkeit und hanseatischem Ernst an. »Stellen Sie sich vor, meine Amtszeit hätte mit so einer Hinrichtung begonnen. Schrecklich...!«

Allerdings. Aber mit dem Absturz des Schwerts war die Gefahr, dass Menschen vor dem Rathaus verletzt oder getötet würden, nicht gebannt. Immer wieder wurden bei Sturm ganze Kupferplatten vom Dach gerissen und segelten waagerecht über den Rathausmarkt. »Als ich das Haus 1988 übernommen habe,« sagt Voscherau, »befand es sich in einem grauenvollen Zustand. Es war neunzig Jahre alt und bis dahin noch nie grundlegend renoviert worden.« In der Festsaalebene platzten die Ventile der »Einrohr-Heißdampf-Heizung«, die von den Baumeistern 1897 zu Recht als technisches Wunder gepriesen wurden – aber auch Wunder haben ihre Halbwertzeiten. »Der Dampf aus einem geplatzten Ventil zischte in einen der Prachträume auf der Festsaalebene, kondensierte sofort und setzte ihn unter Wasser«, bemerkt mein Gesprächspartner lächelnd, »es musste unbedingt etwas geschehen. Allerdings hatte ich erhebliche Manschetten, wie man in Hamburg sagt, vor der Reaktion der Bevölkerung und den Kommentaren der Medien. Wie sollte ich den Hamburgern bei allen Sparmaßnahmen, die wir ihnen angesichts der knappen Haushaltslage gerade zumuteten, erklären, warum zig-Millionen für die Renovierung eines staatlichen Gebäudes ausgegeben werden sollten – auch wenn es ihr Rathaus war?«

In dieser Situation zeigte sich, dass Henning Voscherau im Amt ein Talent entwickelte, das nicht allen Verantwortungsträgern eigen ist: das Talent, zu überzeugen, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt für die richtigen Ziele einzubinden. »Ich kannte das Haus inzwischen sehr gut, gerade hinter den Kulissen«, sagt er, »also habe ich die Hamburger Journalisten zu einer alternativen Rathausführung eingeladen.« Und so geschah es, dass die Hamburger Medienvertreter dem Bürgermeister sichtlich beeindruckt über verstaubte Stiegen durch die Eingeweide des ehrwürdigen Gemäuers folgten und jene Schwachstellen inspizierten, die man dringend beheben musste, wenn Hamburgs Stolz nicht von innen heraus verfaulen sollte. »Auf diese Weise,« bemerkt Voscherau schmunzelnd, »konnte ich die überfällige Modernisierung mehr als deutlich machen. So bekamen wir im Verlauf der Arbeiten aus den Medien nicht ein einziges Wort der Kritik zu hören. Im Gegenteil – die Redaktionen wurden zu Verbündeten. Sie waren es, die die Hamburger begeisterten und eine überwältigende Spendenlawine für unser Rathaus bewirkten.«

Die Prachträume erwachten zu neuem Glanz

Das marode Heizungssystem wurde in Ordnung gebracht, das Dach neu gedeckt, und die Kaiser an der Außenfassade müssen heute nicht mehr befürchten, dass ihnen die Insignien der Macht aus den Händen gerissen werden. Die Hamburger waren begeistert von den Ergebnissen, insbesondere auf der Festsaalebene. Sieben übereinander liegende, nikotinverseuchte Farbschichten hatten die Räume bräunlich-gräulich eingefärbt. Sie schienen das Licht zu verschlucken. Unter den goldenen Händen hochmotivierter Restauratoren erwachten die Prachträume zu neuem Glanz. Im Turmsaal mit seinen Deckenfresken hat man heute einen Farbeffekt wie in der Sixtinischen Kapelle nach der Restaurierung. »Und jetzt,« sagt Henning Voscherau, »jetzt hält das erstmal wieder neunzig Jahre...«

Für ihn ist es ein Wunder, dass das Rathaus überhaupt noch steht. Während die gesamte Hamburger Innenstadt im Bombenhagel des zweiten Weltkrieges ausbrannte und die Gebäude mit ihren hohlen Augen eher an Totenschädel erinnerten, hatte das Rathaus keine Treffer zu verzeichnen. Nur die Turmspitze brannte einmal. »Eigentlich unerklärlich,« murmelt mein Gesprächspartner. »Wenn das Haus getroffen worden wäre, hätte niemand den Wiederaufbau bezahlen können. Dann hätten wir heute ein Waschbetonmonstrum als Rathaus wie zahlreiche westdeutsche Kreisstädte. Furchtbar.«

Geld für den Rathausbau  war da, für die Hygiene nicht...

So sehr Henning Voscherau den Stolz der Hamburger auf ihr Rathaus teilt, so nachdenklich wird er bei dem Gedanken an die Bewilligung der hohen Kosten des Rathausbaus in den 1880er Jahren. Denn gleichzeitig wurden die Mittel für den Einbau eines Sandfilters zur Reinigung des Trinkwassers aus der Elbe damals nicht bewilligt. Die »Wasserkunst« des englischen Ingenieurs William Lindley – nach dem Großen Hamburger Brand 1842 – enthielt einen solchen Filter noch nicht. Man wusste aber inzwischen, dass die Krankheitskeime im Trinkwasser deutlich reduziert werden konnten: durch den Einbau von Sandfiltern. Doch das war teuer. Während Millionen also in die Errichtung des Rathauses flossen, blieben die hygienischen Verhältnisse katastrophal: kein Sandfilter und verseuchte Fleete. 1892, zur Halbzeit des Rathausbaus, starben zehntausend Hamburger an der Cholera. Erst dann suchte der Senat, der sich noch auf ein Dreiklassen-Wahlrecht stützte, den Rat des weltberühmten Forschers Robert Koch. Sein Befund: »Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.«

Henning Voscherau regierte die Stadt mehr als neun Jahre, von 1988 bis 1997. „Die eigentliche Aufgabe,“ sagt er, „besteht für jeden Bürgermeistere darin, die Stadt ein wenig besser weiterzugeben, als er sie übernommen hat. Die Vorgänger mit ihren Entscheidungen laufen einem bei der Arbeit ständig über den Weg, deshalb sage ich: die Stadt ist ein Kontinuum. Wenn man das verstanden hat, dann weiß man auch: Du bist ein Diener auf Zeit.«

Wir sitzen in seiner Anwaltskanzlei am Alstertor, nur zweihundert Meter vom Rathaus entfernt. Henning Voscherau lässt den Blick über die gegenüberliegende Fassade gleiten, die sich nahtlos in das klassizistische Gepräge des Innenstadtensembles einfügt. »Diese Stadt ist voller Lebenskraft,« lässt er sich vernehmen, »voller Zuversicht und voller Stärke. Und ich finde, dass die gebaute Innenstadt in ihrer Gediegenheit und in ihrer Mischung von Tradition und Moderne ohne die andernorts so typischen Fehlentwicklungen zeigt, dass die Hamburger Maß und Urteil haben. Dass sie an ihrer Stadt hängen, an ihrer Schönheit, ihrer Persönlichkeit, ihrer Erkennbarkeit. Hamburg hat ja der weltweiten Versuchung widerstanden, den Stadtkern zu einem verwechselbaren Hochhausbrei aus Glas und Beton umzuwandeln, sodass man gar nicht mehr genau weiß, ist man jetzt in Hongkong, in Singapur, in Manhattan oder wo ist man eigentlich. Das haben wir nicht mitgemacht, und das finde ich sehr schön...«

Wo liegt die Halbwertzeit einer Stadt?

Er schmunzelt wie einer, der das Gröbste überstanden hat. »Wenn ich heute durch Hamburg spaziere, erinnere ich mich an viele Diskussionen, Beratungen und Entscheidungen, um die letzten Kriegslücken zu schließen und die Stadt attraktiver zu machen. Das alles kann man heute fix und fertig in Augenschein nehmen. Der Oberbaudirektor investierte viel Herzblut in die Schließung der Randbebauung am Herrengrabenfleet, die bauliche Verbindung von Alster und Elbe und in die so genannte Perlenkette von der Fischauktionshalle nach Altona. Am Hafenrand, früher eher etwas heruntergekommen, hat sich in kürzester Zeit Unglaubliches verändert. Jetzt geschieht das gerade in der Hafencity, die Peter Dietrich, der damalige HHLA-Chef, und ich jahrelang – buchstäblich geheim – vorbereitet haben. Wussten Sie eigentlich, dass unter Stadtplanern der Spruch gilt, dass sich eine Stadt pro Jahr um zwei Prozent verändert? Demnach wäre sie nach fünfzig Jahren ganz neu. Das halte ich für etwas übertrieben, die Veränderungsgeschwindigkeit ist aber höher als man denkt.«

Wie muss man sich den Stellenwert eines Hamburger Bürgermeisters in der Bundespolitik vorstellen? »Man muss ehrlich sein,« antwortet Voscherau, »die Bürgermeister von Bremen und Hamburg, der Regierende Bürgermeister von Berlin, sie alle drei gelten von Amts wegen immer ein wenig als Außenseiter. Sie regieren kein Flächenland, haben hauptsächlich mit kommunalen Entscheidungen ihrer Stadt zu tun, und da schauen die Herren Ministerpräsidenten gelegentlich schon ein wenig amüsiert auf die Herren Bürgermeister. Man hat ja auch wenig Bundesratsstimmen und ist für die Mehrheitsbildung nicht so wichtig. Aber diese Sonderstellung kann man aufbrechen. Mit fachlicher Autorität und dann auch persönlicher Anerkennung.«

"Wir Hamburger haben es schwer, weil wir als arrogant gelten"

Ich wende ein, dass die Herren Ministerpräsidenten in vergleichsweise weniger attraktiven Hauptstädten wie Kiel, Saarbrücken oder Schwerin residieren, während der Hamburger Bürgermeister immerhin einer Metropole von Weltrang vorsteht. Henning Voscherau lächelt. »Das mag so sein, aber wir Hamburger haben es im Konzert der Bundesrepublik auch deshalb schwer, weil wir ziemlich verbreitet als arrogant gelten.« Bitte?! »So ist das,« wiederholt er, »wir gelten als arrogant. In gewisser Weise kann ich dieses Vorurteil sogar verstehen. Das hat wohl seinen Ursprung in der Zeit nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs und dem Zollbeitritt Hamburgs. In einer einzigen Generation, von 1880 bis 1914, strömte ungeheurer Reichtum nach Hamburg. Welche andere Hamburger Generation hätte sich so einen Prachtbau wie das Rathaus zugetraut? Das ist ja nun wirklich ein Symbol von Selbstgewissheit und Bürgerstolz.«

Er nennt zwei weitere Beispiele. »Da kommt nach dem Krieg mit Max Brauer der ehemalige Bürgermeister von Altona aus dem New Yorker Exil, wird Bürgermeister von Hamburg und fährt mit der britischen Besatzungsmacht Schlitten – ein Selbstherrscher! Später schreibt er Bundespräsident Heuss, dass Hamburger seit ca. 1270 keine Orden annehmen, die Stadt werde sich an dem neuen Bundesverdienstorden nicht beteiligen. Der Hamburger Bürgermeister werde von sich aus keine Ordensvorschläge machen. Aus der Sicht der anderen damals bestimmt ein Beleg für Hamburger Arroganz. Und dann denken Sie an Helmut Schmidt, Bundestagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender, Verteidigungs- und Finanzminister, später Bundeskanzler. Haben Sie die Bundestagsdebatten mit ›Schmidt-Schnauze‹ noch im Kopf? Seine kühle, schneidende Rhetorik? Seine Stärke als überlegener Debattierer in hamburgischem Tonfall ist vielen Menschen sicher als arrogant vorgekommen: ›typisch Hamburg‹ eben. Da wir politisch schwach sind, ist ein solches Ressentiment gefährlich. Also müssen wir uns bemühen, gute Argumente zu liefern, Solidarität zu zeigen und Freunde zu gewinnen.«

Das mit den Freunden gewinnen hat überzeugend geklappt. In den letzten Jahren ist Hamburg in der Beliebtheitsskala rasant nach oben geschnellt. München wurde als Touristenziel locker abgehängt, und Berlin spürt Hamburgs Atem bereits deutlich im Genick. »Ist das ein Wunder?« fragt Henning Voscherau. »Wenn man über die Elbbrücken kommt mit dem ICE, da geht einem doch das Herz auf! Deswegen darf dieser Blick auch nicht durch eine ›living bridge‹ zugestellt werden.«

Zum Schluss erzählt er eine Geschichte, die viel über Hamburg verrät. Zwischen Rathaus und Börse gibt es einen geheimen Verbindungsgang. Die Schlüssel befinden sich in Händen des Hauptgeschäftsführers der Handelskammer und der Rathausverwaltung. »Ich habe den Schlüssel nie zu Gesicht bekommen,« sagt Henning Voscherau, »so vertrauenswürdig war ich nach fast zehn Dienstjahren als Bürgermeister noch nicht...« Dabei strahlt er mich an, als hätte er mir gerade äußerst schlüssig das wahre Wesen dieser wunderbaren Stadt erklärt.

Dirk C. Fleck
2.2.09


Zur Person
Dr. Henning Voscherau wurde 1941 in Hamburg geboren. Hier studierte er Rechtswissenschaft und Wirtschaftslehre. Von 1974 bis 1997 war er Mitglied der Bürgerschaft und von 1988 bis 1997 Erster Bürgermeister der Stadt Hamburg. Seit seinem Rückzug vom Bürgermeisteramt ist Voscherau wieder als Notar in der Hansestadt tätig.


Wir danken der Zeitschrift „Der Hamburger“ für die freundliche Abdruckerlaubnis


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