Ein Hamburger dealt mit den letzten Paradiesen der Welt

Partridge-Island in Kanada. In Hamburg zu verkaufen

Äußerliche Ähnlichkeiten unter Menschen sind nicht unbedingt an Blutsverwandtschaften gebunden. In Farhad Vladis Gesicht zum Beispiel nistet sich gelegentlich Egon Krenz ein, jener Mann, der in den letzten Tagen der DDR kurzfristig zum Nachfolger Erich Honneckers als SED-Generalsekretär ernannt worden war. Kein Witz, jeder geschickte Fotograf könnte sofort den Beweis antreten. Aber der gute Egon ist trotzdem ohne Chance in diesem Gesicht. Sobald Farhad Vladi nämlich von „seinen Inseln“ spricht, fällt die Ähnlichkeit mit Krenz von ihm ab wie ein Stück Lehm von einem Autoreifen. Zu solcher Leidenschaft ist ein Politbonze nicht in der Lage, dazu hat er in seiner Gier nach Macht zu früh und zu radikal mit seinen unschuldigen Träumen gebrochen. Mit dem Traum zum Beispiel, einmal wie Robinson Crusoe leben zu können, der gewiss kein Held der FDJ war.

Farhad Vladi ist der bekannteste Insel-Dealer der Welt. Dem edlen Reisemagazin "Conde Nast Traveler" war der Geschäftsmann vom Ballindamm sogar eine Titelgeschichte wert. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat ebenfalls eine große Jubelstory über ihn veröffentlicht. Ich hingegen war nach dem Studium seines Hochglanzprospekts, in dem die unberührten Perlen der Natur feilgeboten werden, eher skeptisch gegenüber der ethischen Einstellung meines Gesprächspartners. Das hat sich schnell gelegt. Dieser „Kunsthändler der Natur,“ als den sich Farhad Vladi gerne bezeichnet, weiß genau, mit welchen Kleinoden er handelt.

Die Weisheit der Mrs. Robinson

„Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte, die mir sehr imponiert hat", sagt er. "Es gibt auf Hawaii eine Insel mit Namen Niihau. Die Hawaiianer nennen sie die 'verbotene Insel', ihre Bewohner mögen keine auswärtigen Besucher. Als ich das erste Mal von Niihau erfuhr, kribbelte es sofort in den Fingern, ich musste die Insel unbedingt sehen. Der Kontakt lief über Mrs. Robinson." Er lacht. „Sie hieß tatsächlich so. Mrs. Robinson war über achtzig, sie entschied letztlich, wer rübersetzen durfte und wer nicht."

Vladi ist ein hartnäckiger Mann, und so gestattete ihm die Lady schließlich einen Besuch. "Bedingung war, dass ich mich von ihrem Sohn fliegen ließ, er war Helikopterpilot und sollte nicht von meiner Seite weichen. Das Dorf durfte ich nicht besuchen, fotografieren war ebenfalls verboten. Die alte Dame fühlte sich verantwortlich dafür, dass die Kultur von Niihau solange wie möglich verschont blieb vom Gift der Zivilisation. Wer von den Bewohnern einmal von der Insel geht, darf nie wieder zurück, das ist heute noch ungeschriebenes Gesetz. Mrs. Robinson glaubte, dass die Menschen in der anderen Welt verdorben werden, dass sie zurückkommen und sagen: Draußen gibt es Handys und ihr spielt hier im Sand...“

Mrs. Robinson, das weiß Vladi besser als andere, kämpfte auf verlorenem Posten. Nicht weit von Niihau wurde eine Schwesterinsel von amerikanischen und kanadischen Nato-Geschwadern als Bombenziel mißbraucht. „Die Hawaiianer haben vehement dagegen protestiert, denn auf der Insel befanden sich Ahnenfriedhöfe und Kultstätten. Aber es hat sehr lange gedauert, bis den Beschwerden nachgegeben wurde.“

Für kein Geld der Welt wird an die falschen Leute verkauft

Farhad Vladi hat noch jede Menge anderer perverser Geschichten parat, wie mit den letzten Paradiesen umgegangen wird. So hat der amerikanische Staat einem Privatmann unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein Atoll abgekauft, um dort Atommüll zu lagern. Das Vorhaben scheiterte allerdings am Widerstand engagierter Umweltschützer. „Für keine Provision der Welt würde ich jemanden eine Insel vermakeln, der unlautere Absichten mit ihr verfolgt," betont Vladi, „die Inseln, die ich im Angebot habe, versuche ich an Leute zu verkaufen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Natur bewusst sind. Das ist gar nicht so schwer, davon gibt es inzwischen genug."

Vladi und seine Klientel - irgendwie scheint da eine Art Wahlverwandtschaft zu bestehen. "Meine Kunden sind Individualisten, die Natur ist ein phantastischer Animator und Gesellschafter für sie", sagt er.

In seinem Kalender 2009 stellt Farhad Vladi kleine Inseln vor, auf denen sich die Käufer völlig autark ernähren können


Wie hat er seine Objekte gefunden? „Ich habe mir auf detaillierten Karten die Küsten angeschaut: welche sind zerklüftet, wo kann man leicht hinkommen? Welche Gebiete sind vom Klima her erträglich, wie sieht es mit der Infrastruktur aus, ist das Eigentum verbriefbar oder sind es Pachtobjekte? Von zehn Inseln dieser Welt sind neun in Staatsbesitz, da kommt man nicht ran. Wie aber finde ich die Eigentümer heraus? Da gibt es verschiedene Methoden: In Amerika rufe ich das Finanzamt an, das die Grundsteuern erhebt, dort kann jeder Auskünfte beziehen. In Frankreich mache ich es über einen Notar, in Schottland über das Grundbuch. Wenn gar nichts hilft, fragt man den Fischer von gegenüber, der weiß es bestimmt..."

Vladi stellte sich den Inselbesitzern als Makler vor. Und einmal vorstellig geworden, bediente er die Herrschaften mit einem Info-Service der besonderen Art. "Inseln haben ja ihre Probleme, dort gibt es keine Infrastruktur wie auf dem Festland. Strom, Wasser, Telefon - es kommen ja ständig neue Systeme auf den Markt. Als die AEG ein neues Solarsystem entwickelt hatte, habe ich die Prospekte allen mir bekannten Inseleigentümern zugeschickt. Die haben das als nette Geste empfunden. Aber durch so etwas entstehen Verbindungen. Von Inseln trennt man sich ja nicht so ohne weiteres. Aber wenn ein Grund vorliegt - Tod, Scheidung, Konkurs oder dergleichen - dann rufen sie mich an."

Ein weiteres Phänomen ist, dass Inseln gespendet werden. „Rockefeller hat 27 Inseln an eine Naturschutzstiftung gespendet. Was hier verschenkt wird, ist gar nicht mal der Grundbesitz, sondern ein sogenanntes Conservation-Easement, eine Erklärung, daß dort nicht gebaut werden darf."

"Eine Insel ist die Apotheke für die Seele"

Farhad Vladi hat durchaus Verständnis für diese Art von Naturschutz, sein Business bleibt davon unberührt. Er erinnert daran, daß es sich in seinem Gewerbe um einen ganz, kleinen Markt handelt. „Dieser hat Ähnlichkeit mit dem Kunstmarkt, auf dem die Emotionen ja auch eine herausragende Rolle spielen. Bei Inseln haben Sie es mit Charakteren zu tun, jede von ihnen hat ihre eigene Energie. Ich kenne in Schottland eine traumhaft schöne Insel, Holy lsland, die war für 200.000 Pfund zu haben. Aber in dem Moment, als ich Bodenberührung hatte, dachte ich, bloß weg hier. Aber dann siegte die Pflicht, schließlich bin ich Insel-Dealer. Der Verwalter erzählte mir später, dass der letzte Eigentümer in eine Schlucht gestürzt sei, und auf der Fähre zurück nach Glasgow las ich in einem Prospekt, dass der Vorbesitzer seine Frau und seine fünf Kinder erschlagen und unter dem Küchenboden vergraben hatte, auf dem ich dieses miese Gefühl entwickelte."

Er lächelt. „Die Maori sagen, dass jene Insel die beste ist, die am meisten verletzt wurde, weil sie vom Stadium der Verletzung bis zum Stadium der Heilung ein positives Wachstum nimmt, was ihre Bewohner quasi beflügelt.“ Mein Blick fällt auf eine Fotografie über seinem Kopf: blaues Meer, weißer Strand, Palmenhaine. „Ich rate dringend dazu, sich langsam heranzuschnuppern,“ höre ich Vladi sagen. „Es ist nicht einfach, die Brücken hinter sich abzubrechen. Wer den Mut dazu hat, wird feststellen, dass er sich der Natur sofort unterordnet. Eine Insel ist eine Apotheke für die Seele, sie ist die beste Medizin, die es gibt."

Vladi blättert in seinem Katalog. „Neunzig Prozent meiner Kunden sind Eigentümer und nicht etwa Mieter. Sie verbringen vielleicht nur acht Wochen im Jahr auf ihrem Besitz. Aber wenn sie dann im Büro sitzen und das Foto ihres Kleinods an der Wand betrachten, sind sie glücklich. Dieser mentale Überlauf am Morgen reicht aus, um den Tag erfolgreich zu bestehen.“ Er schaut mich verschmitzt an: „Sie glauben gar nicht, aus welchen Gründen sich manche Leute dann trotzdem von ihrer Insel trennen. Ihnen ist dort zum Beispiel die Frau weggelaufen, sie werden auf Schritt und Tritt an die Verflossene erinnert. Dann heißt es: Bloß weg mit der Insel. Und schon habe ich sie wieder ...“

Dirk C. Fleck
9.3.09



ZUR PERSON:

Farhad Vladi wurde 1945 in Hamburg geboren. 1971 vermakelte der Diplomvolkswirt mit der Seychelleninsel "Cousine Island" seine erste Insel. Im Jahr darauf machte er sich als Insel-Makler mit der Firma "Vladi Private Islands" selbständig.

Vier bis fünf Monate im Jahr ist Farhad Vladi unterwegs, um neue Inseln zu entdecken und auf den Markt zu bringen. Seine aktuelle Angebotsliste umfasst 1000 Objekte, die man kaufen oder mieten kann, von Finnland bis Neuseeland, von der Karibik bis zu den Fidschis. Nach Wunsch übernimmt Vladis Büro in Halifax (Kanada) auch die Verwaltung der verkauften Inseln. Von dort werden die Bauaufsicht geführt, die Grundsteuer entrichtet, die Versicherungen und Telefonrechnungen bezahlt.

Inzwischen ist Farhad Vladi weltweit die Nummer 1 im Inselgeschäft. Zu Hause ist Vladi in Hamburg, sein Büro befindet sich am Ballindamm. 2001 kaufte er die Geo-Buchhandlung "Dr. Götze Land & Karte“ und eröffnete neu am Alstertor.


Weitere Informationen unter www.vladi-private-islands.de


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