Atelierbesuch bei Ingeborg zu Schleswig-Holstein
Die Lektüre der wichtigsten deutschen Tageszeitungen gehört zum morgendlichen Standardprogramm der Ingeborg zu Schleswig-Holstein. Das intensive Zeitungsstudium ist ein erprobter Ritus, er dient als Blitzableiter für die nervösen Energien, die sich in ihr stauen. Ein letzter Anker im Meer der Außenwelt, der sie vor der Abdrift in Zweifel und Ängste schützen soll, die dem Drama ihrer Arbeit vorauseilen.
Wir befinden uns in ihrem Atelier in der Jarrestraße, der Raum ist groß wie eine Turnhalle, Licht flutet durch die verglaste Decke. Die mit Farbklecksen besprenkelten Bodenfliesen leuchten wie eine erweckte Wüste nach dem großen Regen. An den Wänden lehnen eine Reihe großformatiger Bilder und warten auf die letzten vollendenden Pinselstriche. „Ich arbeite immer an mehreren Gemälden gleichzeitig“, sagt die Künstlerin und schenkt von dem herrlich duftenden Earl Grey ein. „Die Beschäftigung mit nur einem Bild wäre eine Katastrophe. So aber greife ich mal hier und mal dort ein, auf diese Weise verteile ich meine Befürchtungen.“
Meine Gesprächspartnerin ist eine zarte, filigrane Erscheinung, eine Frau von großer Stilsicherheit, in ihren Bewegungen wie in ihrer Sprache. Je intensiver sie von ihrer Arbeit spricht, desto feinstofflicher scheint sie zu werden. Irgendwann ist sie ganz auf ihre Augen reduziert, die den Gast zu bitten scheinen, mit ihr hinter die Kulissen der sichtbaren Formen zu schauen. Eine Einladung der besonderen Art. Das Atelier ist ihr Schlachtfeld. Das mag dramatisch klingen, bezeichnet aber nichts weiter, als die immerwährende Auseinandersetzung um den stimmigen Ausdruck. Der griechische Philosoph Heraklit hat gesagt, man steigt niemals zweimal in denselben Fluss. Damit meinte er, dass alles zu jeder Zeit in Bewegung ist. Dem reißenden Strom der Lebens Standbilder abzugewinnen, die zu Sinnbildern taugen, das genau ist die Kunst, der sich Ingeborg zu Schleswig-Holstein verpflichtet fühlt.
"Gut reicht nicht in der Kunst, gut ist ein Desaster!"
In den achtziger Jahren hat sie Andy Warhol in der New Yorker Factory als Assistentin gedient. „Wir waren zu dritt,“ erinnert sie sich, „wir haben Leinwände gespannt, grundiert und auch gemalt. Wir haben gedacht, was der macht, das können wir auch. Aber dann kam er vorbei, korrigierte hier eine Kleinigkeit und griff dort kurz ein. Der Unterschied war abenteuerlich. Plötzlich wurde genial, was vorher nur gut war. Gut reicht nicht in der Kunst, gut ist ein Desaster.“
Die Zeit mit Andy Warhol war enorm lehrreich für sie. „Er war keiner, der einem etwas beigebracht hat,“ sagt sie, „entweder hat man sich geholt, was man brauchte oder eben nicht. Er ist sicher einer der größten Künstler des letzten Jahrhunderts, was wir damals nicht gesehen haben. Wir waren einfach zu nahe dran. Das ist so, als wenn der eigene Vater plötzlich den Nobelpreis erhält. Da denkt man sich auch, Papi, da hast du aber Glück gehabt. Man weiß doch, wie unerträglich er zu Hause sein kann...“
Bereits als Kind stellten sich ihr die Zahlen in vielfältigen Verkleidungen vor. Acht war rot, vier gelb. Die fünf war ein merkwürdiges bläuliches braun, das sie gar nicht mochte. „Mein fünfter Geburtstag war ein ernsthaftes Problem. Ich wollte die warme gelbe Aura der vier nicht verlassen, also ignorierte ich mein wahres Alter und behauptete, ich sei vier oder sechs. Sechs ist hellgrün“. Ihr Lachen flattert durch das Atelier, wie ein gelber Wellensittich.
Mit der Musik verhält es sich ähnlich. Musik verdichtet sich in ihrem Kopf zu einer einzigen Farbkomposition. „Bei Schostakowitsch ist es ganz schlimm,“ gesteht sie. "Seine Musik ist extrem farbig, das ist furchtbar.“ Gelegentlich sind die Farbattacken so stark, dass sie flüchten muss. So geschehen vor Jahren im Hamburger Thalia Theater bei der Premiere des "Time Rockers" von Bob Wilson. „Die Bühne war exakt in jenem blau dekoriert, das ich den ganzen Tag im Atelier zu eliminieren versuchte. Es war so brutal, dass ich gehen musste, ich habe es nicht ausgehalten.“
Dass sich die Künste gegenseitig befruchten können, hat die Malerin vor allem in der Zusammenarbeit mit dem polnischen Komponisten Augustyn Bloch erfahren. Bloch hatte ihren Bilderzyklus "Weg ins Licht", den sie für die Hamburger St. Katharinenkirche erarbeitete, zur Vorlage für sein geistiges Oratorium "Denn Dein Licht kommt" genommen. Die Komposition für großen Chor, großes Orchester und Solisten wurde 1988 im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals in St. Katharinen uraufgeführt.
Eine Kreuzmeditation für den erschossenen Priester
Die Zusammenarbeit mit Bloch führte Ingeborg zu Schleswig-Holstein des öfteren nach Polen. Nach einem Auschwitz-Besuch, der eine nie zuvor empfundene Betroffenheit in ihr weckte, besuchte sie auch das Grab des 1984 von der polnischen Sicherheitspolizei ermordeten Priesters Jerzy Popieluszko. Obwohl es den Polen untersagt war, zu dem Grab zu pilgern, war es ständig mit hunderten brennender Kerzen umgeben. Wildfremde Menschen hielten die Totenwache. „Augustyn und ich versuchten ein Requim für Popielusko zu erarbeiten, ein Requium für die Hoffnung, das auf den Sieg der Liebe baut, auf die Unsterblichkeit des Menschen und der Freiheit, die in der Liebe Gottes zu den Menschen beruht.“
Ingeborg zu Schleswig-Holstein fertigte eine Rauminstallation an, bestehend aus zwölf farbig gefassten Holzkreuzen, eine Kreuzmeditation, wie sie es nennt. Die Bild- und Klangkomposition mit dem Titel "Du sollst nicht töten" wurde 1992, wiederum im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals, in der Lübecker St. Petri-Kirche uraufgeführt.
Installation "Du sollst nicht töten" in der St. Petri-Kirche Lübeck aus zwölf 3x4 Meter großen Kreuzen in gold, schwarz und blau
Aber kehren wir zurück in ihr Hamburger Atelier. Die strapazierten Leinwände rekeln sich wohlig unter der Lichtdusche der Nachmittagssonne. Ingeborg zu Schleswig-Holstein kennt den trügerischen Frieden. Sie würdigt die halbfertigen Werke keines Blickes. Noch nicht. Während meine Augen von einem Objekt zum anderen streifen, sagt sie plötzlich: „Farben können einem auch abhauen, sie töten sich gegenseitig. Man muss sie regelrecht zur Ordnung rufen!“ Nach dem Motto: Wenn du zum Bilde gehst, vergiss die Peitsche nicht!
"Beim malen bin ich nur bedingt Herr der Lage", gesteht sie. „Das ist ein bisschen so, als öffne man die Käfige in einem Zoo. Meine Aufgabe ist es nun, das entstandene Chaos wieder zu ordnen. Rot ist viel stärker, viel expandierender als blau. Das Blau muss das Rot halten, ohne es zu dominieren und rot muss eingebracht werden können, ohne blau zu töten. Es ist nicht einfach, diese Kräfte zu bändigen. Die Farben sollen sich bereichern, anstatt sich gegenseitig zu behindern oder zu zerstören. Farben sind Energiespender, sie sind wie Vitamine.“
Auf der Suche nach dem endgültigen Ausdruck ist sie nicht. Nichts sei von Dauer, betont sie. Aber da sie kein Interesse daran habe, dem jeweiligen Zeitgeist zu folgen, sei es ihr schon wichtig, ihre Arbeiten über modische Attitüden zu erheben oder mit ihnen unter ihnen hindurch zu schlüpfen. Das Eigenleben ihrer Bilder, die selbstverständlich in der Zeit verankert sind, kann und will sie jedoch nicht beschädigen.
"Ich dulde eigentlich keine Endzustände"
Der kreative Prozess erscheint ihr wie die Arbeit eines Forschers. Ausgangspunkt sei das in der vorher gegangenen Arbeit Erreichte. Aus dem für einen kleinen Moment als gültiges Ergebnis empfundene wird das Neue konzipiert. „Dann aber beginnt die Suche von neuem mit all der Verlorenheit, Unsicherheit und Verzweiflung. Erst wenn ich dieses Tal durchwandert habe, wird das Bild zum Gegenüber. Es bekommt eine eigene Persönlichkeit, ja fast einen eigenen Willen. Am Ende frage ich das Bild gewissermaßen, wohin es möchte. Es wird zum Antwortenden. Der Künstler erfindet nicht, er entdeckt...“ Bilder, mit denen Ingeborg zu Schleswig-Holstein ihren Frieden gefunden hat, erhalten das Gütesiegel ihrer Signatur. Mit der Signatur werden sie aus der Arena genommen. „Aber häufig passiert es, dass ich sie zurück hole und die Signatur lösche. Dann sage ich mir: ich kann es besser. Ich dulde eigentlich keine Endzustände.“
Ingeborg zu Schleswig-Holstein ist davon überzeugt, dass ihre Bilder einzigartig sind. Niemand wird je in der Lage sein, sie zu kopieren. „Sie haben einen bestimmten Duktus, der mit meiner Körpergröße zu tun hat,“ sagt sie und schaut belustigt an sich herab. „Jeder Pinselschwung resultiert aus der Länge meines Armes. Wenn ich größer wäre, würden meine Bilder anders aussehen. Das ist wie bei einem Cellisten. Wenn dessen Finger über Nacht einen Millimeter wachsen würden, müsste er das Instrument neu erlernen“.
Um einen Eindruck von der Strahlkraft ihrer Bilder zu erhalten, lohnt ein Besuch in der St. Katharinen-Kirche zu Hamburg, einer gotischen Backsteinbasilika aus dem 15. Jahrhundert. Dort hat sie Ende der achtziger Jahre für die Blindfenster im Obergaden des Mittelschiffes einen Bilderzyklus erarbeitet, der den ursprünglichen Weg des Lichts wieder erfahrbar macht. „Ich habe mir die Kirche angesehen und die Blindfenster entdeckt. Wenn man einmal begonnen hat, sich etwas anzusehen, nimmt das einen fatalen Lauf. Ich habe meine Idee also vorgestellt und durfte sie schließlich ausführen. Unter der Voraussetzung, dass ich die Arbeiten nach drei Monaten wieder abhänge, falls sie nicht gefallen sollten.“
Die Bilder hängen noch heute und sind zu einem beeindruckendem Bestandteil von St. Katharinen geworden. Eines Tages bekam sie einen Anruf des Hamburger Bankiers Erich Warburg. Er sagte ihr, wie sehr ihm ihre Arbeit während einer Trauerfeier in St. Katharinen geholfen hätte. Ein schöneres Kompliment kann sich Ingeborg zu Schleswig-Holstein nicht vorstellen.
Sie zitiert einen Psalm aus der Bibel: „Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen“. Leise fügt sie hinzu: „Wenn am Ende nichts übrig bliebe außer Liebe, fände ich das ein wahnsinnig gutes Maß...“
Dirk C. Fleck
10.3.09
Im Juni 2004 stellte Ingeborg zu Schleswig-Holstein im Museum Ludwig im Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg aus. Der opulente Prospekt (links) bündelt die Arbeiten aus einer 22 jährigen Schaffenszeit
Weitere Informationen unter www.ingeborg-zu-schleswig-holstein.com











Meinungen zum Artikel
Hier ist meine Meinung dazu: