Was ein echter St. Pauli-Fan so alles auf sich nimmt

- Constanze Kowalski, Söhnchen Peter und Vater Markus am Millerntor, ihrer zweiten Heimat
Die Zugfahrt dauerte insgesamt 36 Stunden, von Hamburg einmal quer durch Deutschland nach Burghausen in Bayern und wieder zurück in die Hansestadt. Eine halbe Expedition für 90 Minuten Fußball. „Das war die geilste Auswärtsfahrt, die ich jemals erlebt habe“, sagt Markus Kowalski und sein bauschiger Vollbart kann das breite Grinsen nicht verbergen. Begeistert erzählt er vom Fan-Sonderzug, der für den Bahnsteig des Provinzbahnhofs viel zu lang war, er schwadroniert vom Empfang des Bürgermeisters und die zum Festzelt umfunktionierte Turnhalle. Der Fußball-Enthusiast nimmt das schwarze Käppi mit dem Totenkopfsymbol ab und kratzt sich am Kopf. „Ein Idealzustand, wie ich ihn so nie mehr erlebt habe“, sagt er und verstaut die langen Haare wieder unter der Mütze, die ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Auswärtsfahrten begleitet.
Markus ist Anhänger des FC St. Pauli, seit 15 Jahren steckt in seinem Geldbeutel die Dauerkarte des Hamburger Kultklubs. Der 40-Jährige ist ein Fußballfan, wie es sich ein Verein nicht besser wünschen kann: Aufopfernd aber gewaltfrei, engagiert und doch kritisch, unterstützend aber nicht radikal. Kurzum: Markus ist mit Herz und Seele dabei, für den FC St. Pauli ist ihm kein Weg zu weit. Letzte Saison war er bei 33 Bundesligaspielen seiner Mannschaft, sechzehn Mal ist er dafür durch die Republik gefahren, nur auf den Betzenberg nach Kaiserslautern hat er es aus beruflichen Gründen nicht geschafft. „Ich mag das Reisen und die vielen verschiedenen Städte“, erklärt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, „aber natürlich geht es auch um Ehrgeiz und die Groundpoints.“ In der Fußballersprache bedeutet das, für jeden Besuch in einem fremden Stadion bekommt Markus „Punkte“.
Wo lernte er die Frau kennen? Na klar, auf der Saisonabschlußparty
So genannte „34er“, Fans mit dem Anspruch jedes Spiel ihres Vereins live mit zu verfolgen, gibt es in deutschen Fußballstadien zuhauf. Allerdings sind die wenigsten wie Markus verheiratet und Vater von vier Kindern. „Ich bin meiner Frau Constanze über die Maßen dankbar, dass sie mir das ermöglicht“, sagt Markus und legt die Hände ineinander, die Totenkopfringe an den Fingern machen dabei ein metallisches Geräusch. Dass Constanze ebenfalls eine Dauerkarte fürs Millerntor besitzt und ihr erstes Date vor vielen Jahren auf der Saisonabschlussparty des FC St. Pauli stattfand, sei dem Hobby durchaus zuträglich, gibt Markus zu.
Überhaupt wird in Bezug auf den Fußball bei der Familie Kowalski nichts dem Zufall überlassen. Hannes, sechs Jahre alt, Anita, fünf, und Frida, zweieinhalb, sind alle eingetragene Mitglieder des FC St. Pauli - gäbe es eine Mitgliedschaft für Tiere besäße wohl auch Hündin Louisa einen eigenen Ausweis. Nur beim Jüngsten, Peter, der ist gerade mal acht Monate alt, läuft der Antrag noch. „Da waren wir ein wenig schlampig“, kommentiert der Papa das laufende Verfahren.
Markus ist klar, dass er zu den priviligierteren unter den St. Pauli-Fans gehört. Er kann sich dank des Verständnisses seiner Familie und des Jobs als selbstständiger EDV-Berater das zeit- und kostenintensive Hobby leisten. „Bei dem ganzen Herumgefahre kommt natürlich was zusammen, mit dem Geld könnte man wohl einen netten Familienurlaub machen.“
Mit dem "Totenkopf-Tross" und dem FC St. Pauli nach Kuba
Seit knapp zwei Jahrzehnten ist Markus jetzt Anhänger des Kiez-Klubs, „auswärts“ allerdings fährt er erst seit vier Jahren. Ausschlaggebend dafür war ein Erlebnis, das, wie er selbst sagt, ihn sehr an den Verein geschweißt hat. Im Januar 2005 reiste die Familie mit dem „Totenkopf-Tross“ ins Trainingslager auf Kuba. „Es war wirklich toll, wie sich alle um meine Familie gekümmert haben“, sagt Markus und schwelgt dabei in Erinnerungen, „als Anita Geburtstag hatte, kamen die Spieler und Betreuer und gratulierten der Kleinen.“ Ein Che-Guevara-Anstecker aus der Hauptstadt Havanna schmückt bis heute das Revers seiner Lederweste. Wenn der Familienvater Geschichten aus den zwei Wochen auf der karibischen Insel erzählt, könnte man meinen, er spreche von einem treuen Freund und nicht von einem Fußballklub. Aber Markus stellt eine Sache klar: „Bei mir kommt die Familie an erster Stelle und dann der FC St. Pauli.“ Nur bei zwei Dingen würde die väterliche Zuneigung überstrapaziert werden: Die Kinder gehen zur Bundeswehr oder werden Fans des HSV! „Nein mal ehrlich,“ wiegelt Markus ab, „am Ende sind wir auch nur Eltern. Solange die nicht politisch abdriften ist doch alles in Ordnung.“
"Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!"
Wenn es um Politik und Fußball geht, dann wird Markus ernst. Letzte Saison hatte er ein unangenehmes Erlebnis bei der Auswärtsfahrt in Rostock. Steine flogen, Chaos herrschte auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion, ausländische Spieler wurden mit rechtsradikalen Parolen beschimpft. Von den Offiziellen wurde damals kein „sportsrechtswidriges Verhalten“ erkannt, eine Entschuldigung gibt es bis heute nicht. „Da wurde eine Grenze überschritten,“ empört sich Markus noch immer, „Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen“. Mehr möchte er dazu nicht sagen. Er selber sei in fremden Stadien eher der „kontextbezogene Supporter“, das andauernde Anfeuern ist nicht so sein Ding. Mit seinen vierzig Jahren und ungefähr 600 Bundesligaspielen auf dem Buckel gönnt sich Markus inzwischen lieber eine Sitzplatzkarte, dort sei wenigstens die Bierversorgung vernünftig.
Gab es bei all den Auswärtsfahrten nie Zeiten, in denen er sein Hobby verteufelt hat? „Doch, klar gibt es diese Momente“, sagt Markus und nimmt einen Zug von der filterlosen Zigarette, „zum Beispiel kann ich mich an ein Spiel in der Regionalliga erinnern – Grottenkick, null zu null, Eisregen!“ Zum Glück für Markus wird Fußball auch im Sommer gespielt, und die gewaltbereiten Fans sind auch nicht mehr überall. Deshalb tourt der Pauli-Fan auch in dieser Saison wieder mit seinem Klub durch die Republik. Besonders auf das Spiel in Freiburg und den damit verbundenen Ausflug in den Schwarzwald freut sich Markus. Die Partie gegen Mainz 05 und die Stimmung im Stadion am Bruchweg sind ebenfalls jede Saison ein Highlight. Irgendwann einmal möchte er ins Santiago-Bernabéu-Stadion nach Madrid. Geschieht allerdings in den nächsten Jahren kein Wunder, wird er den Besuch wohl ohne seinen FC St. Pauli machen müssen. Wer weiß, vielleicht steigen die „Freibeuter der Liga“ ja in naher Zukunft in die erste Liga auf. Die „geilen Auswärtsfahrten“ reißen dann ja nic hat ab, im Gegenteil - München und das Stadion des FC Bayern liegen mal gerade achthundert Kilometer von Hamburg entfernt.
Stefan Heinrich
17.2.09










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