Das Wunder von Schnelsen: Wie die "Alte Apotheke" eine Rezeptur gegen die Moderne fand
Sie stinkt. Sie tötet Keime. Und sie war in den Apotheken-Schränkchen besorgter Hausfrauen und Mütter im Norden Hamburgs unentbehrlich: die Schnelsener Wund- und Heilsalbe. Die Paste, die einst der Apotheker Emil Keller nach eigenem Geheimrezept in seinen Tiegeln zusammenrührte, sieht aus wie Eiter und riecht ein wenig wie faule Eier. Und doch, sie ist aus Schnelsen nicht weg zu denken. „Meine Geschwister und ich sind mit der Salbe groß geworden“, erinnert sich Enkel Iven, der die Apotheke heute in dritter Generation führt. „Als meine kleine Schwester mit dem Fahrrad stürzte, schlug sie mit dem Gesicht auf Grantboden auf. Meine Mutter schmierte sie dick mit unserer Paste ein - die tiefen Schürfwunden heilten, ohne auch nur eine Narbe zu hinterlassen!“
Viele Geheimrezepte sind inzwischen verboten
Seit 1982 führt der jüngste der vier Keller-Sprößlinge das Erbe seines Großvaters. „Meine Geschwister hatten andere Interessen, und ich war naturwissenschaftlich begabt“, erklärt der Apotheker schüchtern. Etwas verloren sitzt der Mann mit den dünnen, blonden Haaren und dem jungenhaften Gesicht hinter seinem massiven Schreibtisch, auf dem ein verzierter Mörser aus Bronze steht - als Stiftebecher umfunktioniert. Im Giftschrank hinter ihm liegen vergilbte gebundene Listen, in denen auch er noch vor kurzem verzeichnet hat, wer wann Rattengift gekauft hat. Während er fahrig in den handgeschriebenen Büchern seines Großvaters blättert, sagt er leise: „Viele der pharmazeutischen Abkürzen kenne ich nicht mehr. Einige natürliche Wirkstoffe wie der Perubalsam in unserer Wund- und Heilsalbe werden heute als Allergien auslösend eingestuft, sind inzwischen verboten."
Damit ist die Heilsalbe ihres Geruchs und ihrer besonderen Wirkung beraubt. Und die traditionsreiche Apotheke ihres bekanntesten Produkts. Ist sie dadurch entbehrlich geworden? Erfolgreiche Apotheker sind heute pharmazeutisch ausgebildete Betriebswirtschaftsexperten mit einem Händchen für Marketing, Einkauf und Vertrieb. Man spürt, für diese Aufgaben hat der Chemie-Begeisterte Iven Keller nicht studiert. Als Apotheker alter Schule vermisst er das Abmessen und Anmischen, das Studieren von Formeln und Experimentieren mit Rezepturen, alles das, was er als kleiner Junge bei seinen Eltern und Großeltern gesehen hat. Nur ungern beschäftigt sich Keller mit Fragestellungen zur 'Korrelation von Standort und betriebswirtschaftlichem Erfolg', mit Gegenmaßnahmen zu Internet-Apotheken oder Discount-Pharmazien wie Doc-Morris nur 200 Meter weiter.
Als Großvater Emil Keller, ein angestellter Apotheker in Wandsbek, sich 1930 selbständig machen wollte, bekam er nur Absagen. Zulassungen für Apotheken wurden in der Hansestadt reguliert – kein junger Kollege sollte einem alteingesessenen Pharmazeut das Geschäft streitig machen. Also suchte Keller im Hamburger Umland nach einem geeigneten Standort. Im schleswig-holsteinischen Schnelsen wurde er fündig. Dort ließ Apotheker Keller sein Einfamilienhaus mit Ladenlokal errichten, so wie es damals Vorschrift war. Man war froh, dass sich Wohnraum und Laden unter einem Dach befanden. Als diensthabender Apotheker wurde er bei seinen wöchentlichen Notdiensten regelmäßig aus dem Bett geklingelt. Besonders am Wochenende beim „Tanztee“ im gegenüber liegenden Landhaus vor den Toren der Stadt, waren seine schmerzlindernden Pülverchen, Tinkturen und Salben zu später Stunde gefragt. Sein Apotheken-Büro in der modernen Apotheker-Villa richtete Großvater Keller standesgemäß als hanseatischen Kontorraum mit angrenzendem Labor und Laden ein. Emil Keller war ein wissender Apotheker, wie zahlreiche Kellersche Rezepturen in ledergebundenen Kladden beweisen. Die wichtigsten „Drogen“ - wir sagen heute Inhaltsstoffe -, die er für seine Arzneien benötigte, standen für die Kunden sichtbar in dem Regal hinter dem mächtigen Verkaufstresen - eben dort, wo Apotheker heute Aspirin-Schächtelchen kunstvoll stapeln.
Mitterndrin und dennoch außen vor: Schnelsens "Alte Apotheke"
Emil Keller war zufrieden mit seiner Apotheke für Lokstedt und Schnelsen. Das Einzugsgebiet war groß, man kam gut zurecht. Dachte sich auch Sohn Werner. Als ein Kollege in der Nachkriegszeit anfragte, ob er mit der Niederlassung einer neuen Apotheke in Lokstedt einverstanden sei, hatte er damit kein Problem. Durch den Bau des Autobahnanschlusses Schnelsen wurden die Einzugsbereiche Lokstedt und Schnelsen ohnehin getrennt. In den 70er Jahren kam es erneut zu Veränderungen: Apothekengesetze wurden novelliert, neuerdings herrschten freie Standortwahl, Apotheker müssen nicht mehr am Arbeitsplatz wohnen. Jetzt schossen auch im inzwischen eingemeindeten Hamburger Stadtteil Schnelsen neue Apotheken wie Pilze aus dem Boden. Vier Apotheken quartierten sich in und um die Frohmestraße in Ärztehäusern und guten Lauflagen ein. Mittendrin, und dennoch außen vor, liegt auf der anderen Straßenseite die „Alte Apotheke“.
"Als ich die Apotheke 1982 übernommen hatte, wollte ich vieles verändern", erklärt Iven Keller (Foto links). "Es waren Architekten da, es gab Entwürfe..." Warum alles beim Alten blieb, erklärt er nicht. Er, seine Frau, eine Apothekerin aus Berlin, und seine Angestellten bedienen die Kundschaft in einer Kulisse aus lindgrünen resopalverkleideten Medizinschränken. Dekostücke aus der Apotheken-Einrichtung des Großvaters erinnern an bessere Zeiten. Und so wie die Frohmestraße eine Einkaufsmeile mit Retro-Charme geblieben ist, so steht die "Alte Apotheke" für Qualität aus einer anderen Zeit. Ungeplant, fast unfreiwillig, wurde aus der Unentschlossenheit des jungen Kellers die Überlebensstrategie eines ‚first movers’, der ersten Apotheke in Schnelsen.
Die "Alte Apotheke" besitzt das, was viele der neueren Mitbewerber auch mit bester Standortpolitik und Schnäppchenpreisen nicht erreichen können: eine über Generationen gewachsene Kundenbindung. Nicht nur ältere Kunden wissen die Keller-Apotheke als vertrauenswürdige Anlaufstelle zu schätzen, die sie und ihre Familie bereits ihr Leben lang begleitet hat. Auch junge Menschen erleben die verstaubte Kompetenz des Apotheker-Geschlechts im Norden Hamburgs als vertrauenswürdig und authentisch. Die Schnelsener Wund- und Heilsalbe ist entbehrlich geworden, die Kellers und ihre "Alte Apotheke" noch lange nicht.
Christiane Visbeck
22.4.09
Fotos: Visbeck
Fotos: Christiane Visbeck











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