Kunst am Hafen: Die Malocher-Masche
Frank Bürmann (links) spricht über seinen Erfolg als Kaufhausdirektor, Künstler und die Business-Community XING.
Mit schwarz angemalten Händen und Armen steht er vor einem Tisch voller weißer T-Shirts, ergreift einen schweren Schraubenschlüssel aus den fünfziger Jahren, beschmiert diesen mit schwarzer Stofffarbe und drückt das monströse Gerät auf die rechte Schulter des Hemdes. Links unten, quasi diagonal zum Schlüsselabdruck, platziert er ein paar schwarze Handabdrucke, wischt seine Finger großzügig am gesamten Stoff ab - und fertig ist das maritime Kunstwerk. ‚Maschinist’ oder ‚Maschinistin’ wird später jemand mit Siebdruck auf die Brust des T-Shirts schreiben, darüber kommt ein Anker in schwarz-rot. Für 15 Minuten künstlerische Handarbeit auf einem T-Shirt, das in London und nicht in China produziert wird, zahlen Fans 39,90 Euro.
Viel zu wenig, sagt die künstlerische Konkurrenz, viel zu viel sagen ökonomisch geschulte Geschäftsleute, die solche T-Shirts im trashigen Malocher-Look als Massenware produzieren würden. „Das Beste ist“, lacht Frank Bürmann, seiner Pointe gewiss, „unsere ‚Maschinisten’-Kollektion darf nur ich herstellen. Wenn ich krank bin, haben wir Lieferschwierigkeiten!“ Spitzbübisch beobachtet der Mann im Maler-Outfit seine Gesprächspartnerin, als er genüsslich das L-Wort ausspricht. ‚Lieferschwierigkeiten’ – für viele Designer der erste Schritt in die Insolvenz – wird hier als Gütezeichen verwendet! Vom Künstler selbst hergestellt, 14 Stunden am Tag und ohne Urlaub – dafür stehen die bedruckten Stoffe, Skizzen und Portraits, die das Lebensgefühl des selbst ernannten Hamburger Erfinders, Künstlers und Kaufhausdirektor Frank Bürmann in die Welt transportieren.
Kunst-König in der Strasse des Seeräubers Koel
Frank Bürmann kommt aus Hildesheim, Sohn eines Feinmechanikers und einer Kinderkrankenschwester, eines von vier Kindern. Lang hat er sich als Künstler, Kreativer und Event-Bereicherer in der Hamburg Szene durchgeschlagen, bis er eines Tages mit seiner Partnerin Jutta von Perfall ein Ladenlokal anmietete, es „Das klitzekleine Kaufhaus der Künstler“ nannte und dort seine großformatigen Bilder und Hamburg-Kollektionen ausstellte. Die Idee kam so gut an, dass sie mit dem Kaufhaus in die Ditmar-Koel-Straße nahe den Landungsbrücken umzogen. In die angesagte Neustadt also, in die es aufgeschlossene Hamburger nicht nur zieht, wenn sie portugiesisch essen wollen.
Aus polnischen Import-Export-Läden sind heute bemerkenswerte Designer- und Schmuckhersteller-Ateliers geworden, der unscheinbare Traditionsfriseur bedient heute die Kreativen aus dem benachbarten Verlagshaus Gruner & Jahr, die Schiffsausrüster haben ihr Warensortiment auf Touristen ausgerichtet und skurrile Tabakläden bessern ihren Umsatz spürbar mit Flaschenschiffen und Messing-Schiffsglocken auf. In diesem Ambiente hat sich das „Das klitzekleine Kaufhaus der Künstler“ als die Perle der einst unauffälligen Straße entwickelt, die nach dem Kapitän, bekannten Seeräuber und zuletzt erfolgreichen Hamburger Bürgermeister aus dem 16. Jahrhundert Ditmar Koel benannt worden ist.
Stalker gehören zum Erfolg mit Neuen Medien
So wie Bürmann da steht, mit seinen wachen braunen Augen, dem leicht graumelierten Stoppelhaar, muskulös vom Malen und Drucken, lässig gekleidet in einer bunt bemalten Jeans und bekleckstem weißem T-Shirt, wundert es nicht, dass sein Geschäft gut läuft. „Wir können gut davon leben, uns sogar dieses Atelier mit Hafenblick leisten, in dem ich mich inzwischen lieber aufhalte als unserem Laden.“ Denn überall gibt es männliche und weibliche Fans. Sie warten mit unseriösen Angeboten im Laden auf ihn, schicken euphorische E-Mails und eindeutige SMS-Nachichten. Wir hören das Outlook-„Pling“. Schnell wendet Bürmann sich seinem Laptop zu, den er in der einzigen freien Ecke seines mit Stoffen und Mustern übersäten Ateliers aufgebaut hat.
Als Schüler, erzählt der 45-Jährige, hatte er einen Brieffreund in Amerika. Heute - seit dem denkwürdigen Tag im Oktober 2006, an dem er in die Business-Community XING eingeladen wurde – kommuniziert der sympathische Kaufhausdirektor mit unzählig vielen Menschen weltweit. „XING hat mein Leben verändert! Ich habe 674 bestätigte Kontakte, 151.750 Mal wurde mein Profil aufgerufen.“ An einem normalen Tag ohne Aktivitäten seinerseits, so berichtet er, wird seine Seite laut Google Analytics bis zu 100 Mal angeklickt. Klar, die Leute stehen auf Bürmanns Mikrokosmos-Geschäftsmodell: Authentische Hamburger (Gebrauchs-)Kunstmanufaktur in Hafenlage, konsequent und sympathisch und persönlich über Online-Communities vermarktet. Jetzt in der Wirtschaftskrise trenne sich die Spreu vom Weizen, so Bürmann, auch in den traditionell schwachen Monaten Januar und Februar verzeichne die klitzekleine Kunstschmiede eine gesunde Auftragslage. Er steht für Erfolg ohne traditionelle Marketingtools wie PR und Anzeigen. „Unser immer aktuelles Adressbuch liegt auf dem Server bei XING. Wenn wir etwas Neues auf den Markt bringen, gebe ich das in mein Netzwerk - das reagiert sofort!“
Zum Valentinstag bunte Herzen auf Segeltuch
Während Frank Bürmann über Marketing mit Neuen Medien fachsimpelt, essen im Nebenzimmer Jutta von Perfall und die neuen Kollegen – beide Innendekorateure/Segeltuchnäher - am Tisch bei den schweren Nähmaschinen zu Mittag. Es gibt Leber, selbst gekocht. Die Frau hinter dem erfolgreichen Mann ist hoch gewachsen, blond und strahlt eine angenehme Zurückhaltung aus, die gern mit ‚hanseatisch’ umschrieben wird. Von Perfall hält sich lieber im Hintergrund, noch lange kein Grund, sie zu unterschätzen. Die ausgebildete Designerin hält den Laden zusammen, hat tausend Ideen, kann wunderbar zeichnen und denkt sich oft Prototypen für neue Kollektionen aus. Beispielsweise die noch ganz geheime aus Segeltuch, die zum Sommer erscheinen soll, in der es natürlich um kernige Seemänner und das Meer gehen wird. Zum Valentinstag haben sich die beiden etwas Besonderes ausgedacht. Rot bemalte Herzen aus Segeltuch, ausgestopft und mit groben Zickzackstich zusammengenäht, auf Wunsch auch in einem gezimmerten, weißen Holzrahmen. „Unsere Herz-Kollektion kommt wirklich von Herzen“, grinst Frank Bürmann, während sein Blick flüchtig Jutta von Perfall streift.
Christiane Visbeck
5.2.09
Fotos: Art of Hamburg











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