Ich bin stolz, ein Fussballromantiker zu sein...

Ich gehöre zu den Traditionalisten und Romantikern im Fußball. Für mich ist Fußball in erster Linie Sport und Emotion, erst danach auch Geschäft. Da ticke ich ähnlich wie mein Vater, der noch mit 80 Jahren jedes Wochenende mit dem Fahrrad ins Stadion gefahren ist. Doch so wie der HSV Dino der Bundesliga ist, bin ich wohl ein Dino unter den Fans. Und die Fußball-Anhänger meiner Art haben sich womöglich überholt.

Die Wahl einiger Personen in den Aufsichtsrat des HSV zeigt, die Mitglieder wollen gar nicht mehr den Fußball in seiner ursprünglichen Form, sie wollen Events. Events, bei denen es ihnen um ein Gesamterlebnis geht und der Fußball nicht mehr die zentrale Bedeutung hat. Doch wenn eine Mitgliederversammlung diese Richtung in demokratischer Wahl vorgibt, ist das zu akzeptieren. Die Mitglieder sind – wie in der Politik der Wähler – der höchste Souverän.

In England zeichnet sich allerdings bereits eine Gegenbewegung ab. Den Fans ist Fußball durch unberechenbare Milliardäre an der Spitze mancher Vereine bereits zu sehr in reine Geschäftemacherei abgeglitten. Und für viele ist er kaum noch bezahlbar. Mein Freund Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, beobachtet die allgemeine Entwicklung mit Sorge. Er behauptet, der „Hands-up-in-the-air-Klientel“ gehe es weniger um den Fußball als um Events. Doch so schnell wie sie sich dem Fußball zugewendet habe, so schnell könnten sie sich auch wieder abwenden.
Ich wünsche dem HSV, dass das bei ihm nie eintritt.

Ihr Jürgen Hunke

 
1.

Andre

28. Januar 2009, 13.27 Uhr

Dazu ist nichts hinzuzufügen. Ich hätte es nicht besser sagen können. Der Fußball muss Fußball bleiben und darf nicht zum "Popereignis" verkommen. Auch wenn wir in Deutschland zum Glück NOCH ! die 50+1 haben, so muss man mit Angst nach England, Italien und Spanien sehen, wo Vereine Hochverschuldet sind und diese Verbindlichkeiten sich immer mehr vermehren.
Ich hoffe, dass diese Welle des "eventgeilen Fußballpublikums" bald wieder abflacht.

 
2.

Alex

29. Januar 2009, 17.13 Uhr

Hmm... Traditionalisten und Romantiker -> HSV AG wozu nochmal?

 
3.

Eric

29. Januar 2009, 18.07 Uhr

Dazu fällt mir ein:

Wenn meine Oma eine Hupe hätte, wäre sie ein Bus. Ich reserviere also am besten schon mal einen Platz in der Werkstatt, falls sie mal kaputt geht...

Wie hier mit Eventualitäten argumentiert wird, ist schon abenteuerlich. Ich bin seit 30 Jahren HSV-Fan, habe die Zeit unter Happel und auch die trüben 90er Jahre mitbekommen. Ich weiss noch, wie es im Winter oder im Herbst im alten Volksparkstadion war - ungemütlich und kalt. Heute nennen das die Traditionalisten (die witzigerweise damals teilweise noch gar nicht geboren waren) die "gute alte Zeit". Das ist natürlich eine Verklärung der Vergangenheit. Ich bin damals trotz und nicht wegen dieser Umstände zum HSV gepilgert. Ich weiss auch noch, dass man in den 90er Jahren Spieler wie Kindvall und Weichert als große Hoffnungsträger geholt hat. Die richtig Guten hat man ja in Ermangelung finanzieller Mittel nicht bekommen. Da schließt sich der Kreis.

Ein HSV, der die Entwicklung nicht mitgegangen wäre, würde heute noch - wenn überhaupt - im Volksparkstadion spielen, sofern es nicht wegen Baufälligkeit schon lange gesperrt worden wäre. Um mal bei den Eventualitäten zu bleiben. Der Neubau eines Stadions wäre ohne die kommerziellere Ausrichtung eines Bundesliga-Klubs im Vergleich zu einem Oberliga-Klub doch reine Utopie.

Der HSV steht für Bundesliga-Fußball und muss diesen Anspruch auch an sich stellen. Das Gros der Fans stellt diesen Anspruch auf jeden Fall.

St.Pauli steht für volksnahen Fußball-Sport ohne Schnickschnack. Das darf man sich dann eben in der 2.Liga anschauen. Als HSV-Fan will ich gute Fußballer sehen. Möglichst Nationalspieler, die den Verein nach vorne bringen und auch ein wenig Glanz in meinen Verein tragen. Ich weiss aber genau, dass das nicht möglich ist, wenn ich mich gegen die möglichst maßvolle Kommerzialisierung stemme.

Herr Hunke ist intelligent genug, um Anspruch auf der einen und Notwendigkeit auf der anderen Seite zu erkennen. So gesehen verstehe ich seinen Einwurf nicht - oder höchstens als Nachtreten oder Schönrednerei seiner eigenen Niederlage bei der Aufsichtsratswahl beim HSV - wenn man es denn Niederlage nennen will. Ich nenne es einen demokratischen Vorgang mit dessen Ergebnis ich zufrieden bin.

Es ist nun an Bernd Hoffmann und den anderen Vorständen, diesen Spagat zwischen notwendigem Kommerz und Erwartungshaltung der Fans an Tradition und Erfolg hinzubekommen. Ich traue dem aktuellen Vorstand des HSV genau dieses zu.

 
4.

Olli aus Hamburg

29. Januar 2009, 18.20 Uhr

Welche Personen des neuen Aufsichtsrates meinen Sie bei Ihrer obigen Behauptung?
Der HSV macht dann am meisten Spaß, wenn er gut spielt. ABER das Stadion ist selbst bei schwach spielendem HSV immer voll. Selbst in der Beinahe-Abstiegssaison. Woran liegt das?
Warum haben wir heute viel mehr Zuschauer im Stadion als jemals zuvor in der Geschichte des HSV? Doch weil es den Zuschauern heute sehr viel besser im Stadion gefällt als noch zu Ihrer Amtszeit. Das Erlebnis ist ein viel intensiveres. Die Emotionen sind größer.
Hören Sie doch auf immer dieses englische Schimpfwort ohne Aussagekraft namens EVENT zu benutzen. Dieses Wort ist so verbraucht worden. Heutzutage wird doch nun wirklich alles zu einem EVENT hochstilisiert. Fußball ist kein Event, Fußball ist ein Erlebnis. Fußball ist Emotion. Heute genauso wie vor 40 Jahren.
Fußball ist das schichtenübergreifende emotionale Erlebnis unserer Zeit.
Oder wollen Sie, dass der HSV in Zukunft seine Spiele vor 4.000 Kuttenträgern und Kapuzenträgern austrägt?
Ich hoffe nicht.
Also verteufeln Sie nicht die Zuschauer. Sie sind das Herz des HSV!

 
5.

Sven aus EF

29. Januar 2009, 18.34 Uhr

Sehr geehrter Herr Hunke,

Ihr Anliegen in allen Ehren, wenn denn dies Ihr Anliegen war, nämlich die Romantik des Fussballs zu erhalten. Aber was veranlasst Sie, den Wählern des neuen Aufsichtsrates zu unterstellen, sie würden den Event dem traditionellen Fussball vorziehen? Eine gewagte Schlussfolgerung. Keinem der der neuen Aufsichtsräte kann man doch allen Ernstes unterstellen, sie würden rein "kommerzlastigen" Entscheidungen des Vorstandes durchwinken. Zudem ist auch die Annahme, der Vorstand habe entsprechende Beschlüsse in der Schublade, reine Spekulation.

Dass dies durch die Aufsichtsratskandidaten des Supporters Club einvernehmlich und oft behauptet wurde, muss es ja nicht wahrer machen.

Lassen Sie sich bitte sagen, dass meine Liebe zum HSV Ihren Ursprung auch in unserer Familientradition hat. Mein Vater wurde durch meinen Grossvater zum HSV gebracht, so wie ich durch meinen Vater. Ich erinnere mich noch gut an die viele Erzählungen meines Vaters vom Rothenbaum, an meine ersten Stadionbesuche im Volksparl als kleiner Steppke, und ich sehe meinen Vater heute noch bei Spielen des HSV mitzittern und völlig emotionalisiert. Obschon er grundsätzlich ein sachlicher Vernunftsmensch ist. Und dennoch war keiner der Supporters-kandidaten wählbar, und Sie - mit Verlaub - eben auch nicht. Dies ist nicht ehrabschneidend gemeint, sondern eine sachliche Feststellung.

Im Grunde ist Ihr hier veröffentlichter Artikel exakt Ausdruck eines Schwarz-Weiss-Denkens, das Tausende von sich auf einer MV engagierenden Mitgliedern kategorisiert und zudem dem Vorstand und dem neuen Aufsichtsrat Sichtweisen unterstellt, die oft behauptet und nie bewiesen wurden.

Ganz ehrlich: Es ist genau diese anmassende Haltung, dieser Alleinvertretungsanspruch auf die Tradition, die mich der Abteilungsleitung des Supporters Clubs und seiner nie in Gänze ausgeprochenen Ziele entfremdet hat.

Mit bestem Gruß

 
6.

Jürgen Hunke aus Hamburg

30. Januar 2009, 15.52 Uhr

Lieber Andre, lieber Alex, lieber Eric, lieber Ollie, lieber Sven!
Vielleicht muss ich noch einmal klarstellen: Natürlich sehe ich Fußball lieber im neuen als im kalten, alten Volksparkstadion. Natürlich sehe ich lieber Nationalspieler beim HSV als drittklassige Kicker, natürlich möge der HSV am besten jedes Jahr in der Bundesliga und Champions League topp platziert sein.
Für mich als Nostalgiker ist aber wichtig, dass der Fußball im Zentrum bleibt. Dass nicht mit Spielern geschachert wird, um Bilanzen zu schönen und die Mannschaft zu verschlechtern. Nach dem Verkauf der besten Innenverteidigung der Bundesliga (van Buyten und Boulahrouz) wäre der HSV um ein Haar abgestiegen. Das sollten wir nie vergessen.
Es gab einmal den eingängigen Spruch, ich weiß nicht, von wem er stammt: „Wir investieren in Beine und nicht in Steine.“
Das heißt doch übersetzt: Erst wenn die richtigen Beine flott laufen und präzise schießen, dann kann ich auch Steine aufeinander türmen. Das ist mein Ansatz als Nostalgiker. Dass ohne Einnahmen nichts läuft, das weiß auch ich. Für so unklug hält mich hoffentlich niemand.

Ihr Jürgen Hunke

 
7.

Eric aus Norderstedt

30. Januar 2009, 17.52 Uhr

Hallo Herr Hunke,

vielen Dank erst einmal für Ihre Anmerkungen.

Ich glaube aber, dass in Ihrer Argumentation ein Denkfehler steckt.

Sie merken an, dass man seinerzeit mit van Buyten und Boulahrouz die Innenverteidigung verschachert habe.

Den Ausdruck "Verschachern" finde ich in diesem Zusammenhang nicht angebracht. Für mich als Außenstehenden, der natürlich weder die genauen Vertragsinhalte noch die Interna kennt, hatte der HSV zwei Spieler, die dem Lockruf des Geldes erlegen sind. Der HSV hat sich schlicht den Gesetzen des Marktes unterwerfen müssen und für sich das Beste aus der Situation gemacht.

Über den Charakter der beiden Spieler zu urteilen steht mir nicht zu; das sollen andere machen.Vielleicht hat sich ja auch alles ganz anders zugetragen, als es den Anschein hatte.

Daneben sehe ich aber die derzeitige Praxis, Spieler möglichst günstig einzukaufen, um dann einen maximalen Ertrag bei einem späteren Verauf zu erlösen, nicht als falsch an. Da unterscheiden wir uns augenscheinlich massiv in unserer Bewertung der Situation. Der Kauf und Verkauf von Spielern erscheint mir momentan der einzige probate Weg zu sein, um den Abstand auf und zu anderen Vereinen zu verringern bzw. zu vergrößern. Offenbar sind die gängigen Wege der Erzielung von Finanzmitteln für den HSV in hohem Maße ausgereizt. Wenn ich das aus der Entfernung richtig einschätze, hat Bernd Hoffmann in diesem Bereich nachaltige, sehr gute Arbeit geleistet. Zumindest, wenn ich den Vergleich zu früheren Entscheidungsträgern - und das schließt Sie mit ein - heranziehe. Fassen Sie das bitte nicht als Vorwurf an Ihre Adresse auf, sondern sehen Sie es als meinen Ausdruck der Wertschätzung in Richtung Bernd Hoffmann an.

Ich gehe auch davon aus, dass Hoffmann diese gute Arbeit der Vergangenheit in der Zukunft wird bestätigen können.

Ich bin mir übrigens ganz sicher, dass auch der aktuelle Vorstand gerne Spieler wie Rafael van der Vaart oder Nigel de Jong in Hamburg gehalten hätte, wenn denn dies finanziell machbar wäre. Der HSV ist aber derzeit in gewissem Maße (noch) ein Sprungbrett für talentierte Spieler. Ich gebe zu, dass mich das insgeheim auch stört, aber dennoch sehe ich die Notwendigkeit, die Marktgesetze als solche auch zu akzeptieren. Wehklagen bringt uns an der Stelle doch nicht einen Schritt voran.

Zum Abschluß möchte ich Ihnen gegenüber noch meinen Dank dafür ausdrücken, dass Sie kritische Beiträge zulassen. Ich denke, eine Erwiderung auf meine hier vorliegende zweite Anmerkung zum Thema ist nicht notwendig, da wir nun doch schon recht weit in die Materie einsteigen müssten, um das Thema zu diskutieren und dafür ist sicherlich solch eine Plattform nicht geeignet.

Gruß Eric

 
 

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